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  Heinz Ohff - Kunstkritiker des erloschenen Berlin-West
von Thomas Leuner

Der Tagesspiegel, 27. November 1964
Eine liberale Generation? Ausstellung von Gerhard Richter

Der Tagesspiegel, 13. Dezember 1966
Der vertauschte Naturalismus. Ausstellung Gerhard Richter – Galerie Block in neuen Räumen

Der Tagesspiegel, 28. März 1961
Halbmast über der National–Galerie. Der Osten zeigt zum hundertsten Jubiläum seine "Neuankäufe seit 1945" – Kunst und Agitation zweiträchtig beieinander

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Der Tagesspiegel, 27. November 1964

Eine liberale Generation?
Ausstellung von Gerhard Richter

Im Augenblick scheint in unserem Kunstleben die Aktualität Trumpf.
Stellen sich in der Akademie der neue Realismus und die Pop–Art vor, so lassen sich’s die Galerien unserer jüngsten Kunstmanager angelegen sein, dazu die notwendigen Ergänzungen und Kommentare abzugeben. Zufall oder Voraussicht?
Schon bei der Eröffnung der Ausstellung in der Akademie stießen die Besucher auf einen Protest, der sich freilich nicht gegen die ausgebreiteten Gegenstände wandte, sondern, im Gegenteil, eher im Stile der Pop–Art gehalten war. Da standen zwei junge Leute mit einer Gasmaske und stellten per Plakat und Handzettel die Preisfrage, wie viele deutsche Realisten denn dort fehlen. Für die Beantwortung hat die Galerie René Block sogar Preise ausgesetzt, bezeichnenderweise erst als Trostpreis die Graphik eines jener Propheten, die bekanntlich in ihrem Vaterland nur wenig gelten. In den Kellerräumen der Frobenstraße 18 steht dann auch einer dieser in der Akademie übersehenen deutschen Realisten zur Debatte, der sich ohne weiteres neben den Amerikanern, Franzosen, Holländern und Italienern sehen lassen kann. Gerhard Richter, der in Dresden bei den "sozialistischen Realisten" das Malen erlernte und der nun, in Düsseldorf, seine Arbeiten als "kapitalistischen Realismus" bezeichnet, ergänzt das neu hervortretende Gegenständliche sogar durch einen besonders interessanten Aspekt, gewissermaßen einen west–östlichen. Er malt banale Alltagsszenen – Familienbilder, Urlaubsphotos von den Pyramiden, Porträts, unter anderem eines vom documenta– Professor Arnold Bode – und verfremdet sie, indem er mit trockenem Pinsel die zumeist schwarz–weißen Gegenstände ein wenig verwischt. Der Effekt ist verblüffend: Dieser Realismus erinnert an den Realismus flimmernder Fernseh–Mattscheiben, an die irrelevante und rasch verblassende Wirklichkeit gestellter Erinnerungsphotos, an die schlechten Drucke ineilig hergestellten Reiseführern, kurzum, an jenes Bild, mit dem wir heutzutage am meisten in Berührung kommen, das verwischte, degradierte, zum Massenprodukt entartete Bild. Richter holt es mit kräftigem Zugriffzurück in die Malerei; er kann mit dem Pinsel besser "photographieren" als die meisten Photographen mit dem Photoapparat, er enthüllt und entlarvt und reißt dem Kommerz wieder etwas aus der Hand, was seiner Meinung nach dem Maler allein gehört: Die Figur und den Gegenstand. Muß man dies zur "Pop–Art" rechnen? Vielleicht. Ein neuer Realismus ist es bestimmt.
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Der Tagesspiegel, 13. Dezember 1966

Der vertauschte Naturalismus
Ausstellung Gerhard Richter – Galerie Block in neuen Räumen

Georg Schmidt, der 1965 verstorbene Basler Kunsthistoriker, war gegen nichts allergischer als gegen den falschen Gebrauch der Worte "Realismus" und "Naturalismus". Er hatte dafür seine Gründe – Schmidt war alles andere als ein pingeliger Stubengelehrter, aber für ihn begann, aus Erfahrung, der Ungeist mit der falschen Definition. So hatte Hitler den Realismus auf seine Fahnen geschrieben, ganz ähnlich wie Stalin, wobei beide freilich einen ausgesprochenen Naturalismus meinten. Maßstab des Naturalismus ist die äußere Richtigkeit – "naturaliste" nennen die Franzosen dann auch nicht nur die Naturforscher, die naturalistischen Dichter und Maler, sondern auch die Tierpräparatoren. Maßstab des Realismus dagegen ist die innere Wahrheit. Schmidt wörtlich: "Äußere Richtigkeit ist keineswegs die Garantie für innere Wahrheit. Die übliche Gleichsetzung von Realismus und Naturalismus beruht auf der komischen Meinung, die Wirklichkeit erschöpfe sich in der gegenständlich sichtbaren Wirklichkeit." Nun möchte man gern wissen, was Georg Schmidt wohl zu den Bildern des Dresdners Gerhard Richter sagen würde, der, am "sozialistischen Naturalismus" ostdeutscher Kunstakademien geschult, seit 1961 in Düsseldorf lebt und Bilder malt, die sich an dem naturalistischsten Bildgestaltungsmittel aller Zeiten orientieren: an der Photographie. René Block, der Richter schon häufig hier ausgestellt hat, eröffnete mit ihm nun auch seine neuen schmucken Galerieräume in der Schaper-straße Nr. 11. Zur Vernissage zeigte Richter einen nicht eben kurzweiligen, wohl aber sehr aufschlußreichen selbstgedrehten Viertelstundenfilm. Auf der Leinwand sichtbar wurden bewußt undeutlich photographierte und überbelichtete Menschen–Schemen, Gespenster aus Rauch und blassen Schatten. Nur einmal drehte er plötzlich die Kameralinsen scharf, was filmisch der einzige eklatante Einfall blieb und dem Publikum ein beinahe erschrecktes "Oh!" entlockte. In Amerika ist es ja Sitte geworden, daß Maler Filme drehen, die keine Handlung haben, sondern so etwas wie verfilmte Bild–Ideen darstellen. Prominentestes Beispiel ist Andy Warhol. Gerhard Richter wird man als Jungfilmer keine große Zukunft prophezeien können, aber aufschlußreich für seine Malerei war sein Streifen dennoch. Er zeigte genau, worum es Richter geht: um ein Spiel der vertauschten Ebenen. Und die Ebenen heißen: Naturalismus und Realismus. Richter malt Photos – solche der Zeitgeschichte (Herr Heyde wird verhaftetnd simple Amateuraufnahmen (Mädchenkopf – verwischt). Er malt sie schwarz auf weiß in allem Naturalismus auf die Leinwand. Die Verfremdung erfolgt handwerklich mit dem trockenen Pinsel, der die gemalten "Photos" nachträglich verwischt. Im geistig–ästhetischen Sinne erfolgt sie durch eine Gleichsetzung von Naturalismus und Realismus, denn naturalistisch sind die Bilder plötzlich nicht mehr. Sie haben ein Bildmedium der Zivilisation zum Anlaß genommen, etwas Neues daraus zu machen, ein neues, und diesmal realistisches Bild, das nicht mehr der "komischen Meinung" ist, die Wirklichkeit erschöpfe sich in der gegenständlich sichtbaren Wirklichkeit. Da schwingt schon eher ein bißchen Zeitkritik mit. Ein Großteil unserer photoverseuchten Gegenwart beschränkt sich auf die erschöpfte gegenständliche Wirklichkeit – was für Bilder das sind, zeigt Richter in aller Kraßheit. Und zugleich, im Kunstgriff, verwandelt er sie, schlägt er dem Naturalismus ein Schnippchen, durchbricht er die gegenständliche Fassade, führt er die Photographie ad absurdum – und das will heißen, ins Realistische. Im übrigen ist er einer der begabtesten jungen Maler in Deutschland.

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Der Tagesspiegel, 28. März 1961

Halbmast über der National–Galerie
Der Osten zeigt zum hundertsten Jubiläum seine "Neuankäufe seit 1945"
Kunst und Agitation zweiträchtig beieinander

Über der Museumsinsel ist halbmast geflaggt, wegen Zonen–Handelsminister Rau; wen es am Sonntag aus dem Westen zum hundertjährigen Bestehen der National–Galerie herüberzog, an die klassische Stätte Berliner Kunstpflege, wird den Trauerflor unversehens auch auf seinen Besuch bezogen haben, einen traurigstimmenden Besuch. Die unheilvolle Grenze wird durch dies tragisch verdoppelte Jubiläum doppelt schmerzhaft ins Gedächtnis gerückt. Von der Orangerie des Charlottenburger Schlosses bis zur alten Nationalgalerie ist es – auch auf dem Gebiet des Guten, Edlen, Schönen – ein genau so weiter Sprung wie vom Kurfürstendamm zur Stalinallee.
Das Gebäude, immer noch gleichsam im Rohzustand des Wiederaufbaus, macht einen düsteren Eindruck. Ein Katalog der Jubiläumsausstellung, die die Ankäufe seit 1945 zeigt, ist genauso wenig zu erhalten wie ein Führer durch die alten Bestände. "Vielleicht kommt der Katalog am Dienstag. Vier Mark soll er kosten. Aber nehmen Sie doch die ‚Schule des Sehens’ von 1957." Wahrscheinlich merkt man uns an, daß wir vom Westen kommen. Es wird hinzugefügt: "Sie ist noch von Geheimrat Justi und kostet nur 2 Mark 50." Ein Katalog über eine längst verschwundene Ausstellung. Wir kaufen ihn, es macht umgerechnet ja kaum 75 Pfennig aus und Justi war ein großer Mann. Eine elende Zeit, sie verfolgt hier sogar jeden bis ins Museum.
Und ob sie das tut! Kaum mache ich mir vor den Bildern Notizen, heftet sich schon ein Kunstfreund vom Dienst an meine Fersen. Ungeniert dreht er den Bildern den Rücken zu und lauscht auf alles, was ich sage; offenbar ein Anfänger. Ich mache die Probe und gehe in den Handzeichnungensaal, den ich sofort wieder verlasse. Mein Schatten macht alles brav mit. Er kapituliert erst, als ich anfange, meiner Frau mit schöner Ausführlichkeit Feuerbachs "Gastmahl des Plato" von links unten bis rechts oben zu erläutern. Armer Feuerbach! Das hat er nun auch wieder nicht verdient! Oben, im dritten Stock, befinden sich die Neuerwerbungen seit 1945. Man merkt, daß hier zwei Kräfte gewaltet haben: die alten, soliden, auf Qualität bedachten Museumsleute (manche Bilder hat wohl noch Paul Ortwin Rave gekauft) und die Tendenzler. Erstaunlich stark, beinahe ausschließlich, ist – in beiden Richtungen – das zwanzigste Jahrhundert vertreten. Klassische Kunst scheint nur wenig neu erworben zu sein. Die Polen haben zwei schöne Porträts von Anton Graff (darunter den "Gellert") geschenkt und viele Thomas, welche hervorragend die einen Stockwerk tiefer befindlichen Bilder des 19. Jahrhunderts ergänzen (wo mögen die Polen diese Bilder herhaben?). In der Graphik ist auch Fedor Iwanowitsch Dahlungi, gen. Der Kalmück vertreten (1765 bis 1832), eine Art russischer Schnorr von Carolsfeld, dessen "Besuch Hektors bei Paris" 1959 erworben wurde. Mit der schönen "Gattin des Künstlers" von Begas ist dann auch schon Schluß. Eine fürchterlich rote "Bäuerin" des russischen Halb–Expressionisten Archipow (1862–1930) leitet über ins zwanzigste Jahrhundert. Da gibt es dann großartige Neuerwerbungen, man kann sie nicht alle aufzählen. Der Pechstein–Akt von 1910, auch das "Haus unter den Bäumen" von Schmidt–Rottluff aus dem gleichen Jahr gehören wie Heckels "Kanal im Winter" von 1913 zu den besten "Brücke"–Bildern überhaupt. Ein schönes "Stilleben" von Vlaminck findet sich neben schwachen, aber geschickt den Bestand abrundenden Corinth ("Mutterliebe") und guten Slevogts ("Max Halbe"). Ein "Selbstbildnis" von Kaus, eine bezeichnenderweise in seiner realistischen Periode, 1938, entstandene "Gebirgslandschaft" von Dix, ein Blumenstilleben von Rohlfs ("Canna Indica", 1937) – die Fülle vorzüglicher Bilder reicht bis Werner Heldt "Am Stadtrand von Berlin", eines seiner besten Werke, und Heinz Trökes (eine "Tierlandschaft" von 1946). Abstrakt ist sogar Oskar Schlemmer vertreten, mit einem erst im Vorjahr angekauften Relief.
Wo es noch "moderner" wird, wird es dann allerdings atembeklemmend. Aus den dreißiger Jahren reichen noch Otto Nagel, der sentimentale Klassenkämpfer ("Das tote Kind") und Ehmsen, der einst der Neuen Sachlichkeit angehörte und heute so scheußliche Monstrositäten wie den "Empfang bei Präsident Ho Chi–Minh" malt, in diese triste Landschaft hinein. Interessant das kleine Kabinett zu Ehren des Worpsweder Edel–Kommunisten Heinrich Vogeler, der schon früh nach Sowjetrußland emigrierte und dort 1942 eines elenden Todes gestorben ist. Seine Bilder ("Ernte in Kabardino" und, sehr schön, "Moskau") fassen recht vielsagend den Worpsweder Jugendstil und kommunistische Agitation mit der gleichen leisen Süßlichkeit zusammen, die spätere Aushängemaler nur mühsam hinter plakativer Spachtelei zu verbergen suchen, so Bert Heller in seinem Brecht–Porträt oder Arno Mohr in seiner simplen "Kartoffelsammlerin". Die Plastik reicht von den schönen Gebrüder–Mann–Köpfen Gustav Seitz’ (der "Mao" allerdings ist monumental übersteigert) immerhin bis zu einer "Liegenden Frau" von Heiliger. Blumenthal ist repräsentativ vertreten und, natürlich, Fritz Cremer, der KP–Maillol, bei dem man in seinen besten Werken an die Kollwitz, bei seinen weniger guten allerdings penetrant an Thorak erinnert wird. Das alles ist höchst unterschiedlich, das findet wie Feuer und Wasser nur sehr zwieträchtig zueinander. Es laufen lauter sorgsam und geschickt angeknüpfte Fäden ins Leere – ein Spiegelbild der Hilflosigkeit, mit der man drüben vor einer freien Kunstausübung steht, ein Beweis aber auch für das mutige Ausharren mancher Museumsdirektoren, mancher Fachleute sogar im "Magistrat von Groß–Berlin", der einige vorzügliche Werke gestiftet hat. Welche geheimen Auseinandersetzungen, welche persönlichen Schicksale, welche Machtkämpfe mögen im Laufe von fünfzehn Jahren hinter manchen dieser Ankäufe ausgetragen worden sein! Zum hundertsten Jubiläum der Nationalgalerie sollte man gerade diese Leistungen nicht vergessen.
Daß sich Meisterwerke trotzdem mit agitatorischem Kitsch in schmerzlichem Mißklang zusammenfinden müssen, ist letztlich unser aller Schicksal. Der Mißklang wiederholt sich, beinahe noch schmerzlicher, wenn man später über den zugigen "Marx–Engels–Platz" geht, auf dem die Domruine und das immer noch wie eine Baustelle aussehende Pergamonmuseum dem faden Beton–Prunk des Tribünenaufbaus an der Stelle des alten Stadtschlosses ausgeliefert sind.
Der Trauerflor über der Nationalgalerie ist das Letzte, was man sieht,
wenn man in der S–Bahn noch einmal an der traditionsreichen Museumsinsel vorüberdonnert.

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Sämtliche Artikel stammen aus Lesebuch Heinz Ohff. Wissen, Erfahrung, Neugier – der Kunstkritiker Heinz Ohff, hrsg. von Dr. Ekhard Haack und Lothar C. Poll, Info-Press Verlag, Berlin 2007.

Dank an die Herausgeber für die Überlassung der Texte.
25.08.2007