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Texte zur zeitgenössischen Fotografie und digitalen Bildkunst
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  Die Kunst der Fotografie
von Hans Durrer

In einer Kunsthalle in San Francisco. Ein Mann steht vor einem Bild, das für einen Laien nichts anderes als eine Farbschmiererei ist. Keine x-beliebige, eine gestalterisch höchst ansprechende. „Meine sechsjährige Tochter könnte das auch“, sagt der Mann. Der Kurator der Ausstellung nimmt ihn beim Wort, stellt Leinwand und Farbe zur Verfügung. Die Kleine malt, das Ergebnis verblüfft den Kurator: Es ist ebenso gut wie das Bild, das in der Kunsthalle hängt.

Ich habe diese Szene vor gut zehn Jahren in einem Film gesehen. In einem Kino in San Francisco. Zusammen mit meiner Freundin Emelle, die dort als Fotografin lebt und sich als Künstlerin versteht. Ich halte sie auch für eine Künstlerin, doch nicht ihrer Fotografie wegen, sondern weil sie ganz generell höchst einfallsreich und kreativ durchs Leben geht.

Emelle regte sich über die Filmszene mit der Sechsjährigen auf, ich selber war davon sehr angetan. Für Emelle ist bei Kunst entscheidend, dass der Künstler etwas sieht, was andere nicht sehen. Für mich kommt es bei Kunst darauf an, ob die Künstlerin etwas kann, was nicht alle können. Uns beiden ist wesentlich, dass beim Betrachter etwas ausgelöst wird, im Idealfall staunt er.

Ob ich Emelles Sichtweise hier richtig wiedergegeben habe, weiß ich nicht. Ich erinnere sie so. Doch kommt es mir, im Gegensatz zu hauptsächlich akademisch Interessierten, nicht so sehr darauf an, wer was wann und wie gesagt (oder gemeint) hat, sondern auf Emelles Argument. Und dieses meint: Kunst hat nicht notwendigerweise mit Können zu tun. Das sehe ich entschieden anders. Für mich kommt Kunst definitiv von können.

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Jeder kann ein gutes Foto machen, sogar Schimpansen können ein gutes Foto machen, sagte David Bailey einmal. Und fügte schmunzelnd hinzu: Aber ich kann zwei machen.

Dass ein Fotograf, also jemand, dessen Berufsleben sich hauptsächlich ums Fotografieren dreht, Bilder machen kann, die Amateuren zwar auch, doch eben nicht so oft gelingen, sagt einem der gesunde Menschenverstand.

Wir definieren uns über das, was wir tun, nicht über das, war wir tun könnten. Wer sich ständig mit dem Bildermachen auseinandersetzt, wird aller Wahrscheinlichkeit andere und bessere Bilder zustande bringen als jemand, der nur gelegentlich zur Kamera greift.

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Die Essenz der Fotografie ist das Einrahmen. Die zentrale Frage für den Fotografen lautet: Was soll ich ins Bild nehmen, was soll ich draußen lassen? Alles andere macht die Kamera.

Sicher, die Vorbereitungshandlungen sind wichtig. Wo sich der Fotograf hinstellen will, wann (und bei welchem Licht) er die Aufnahme mit welchem Film und mit welcher Kamera machen will. Auch die Nachbearbeitung ist für einige Fotografen wichtig. Nicht für alle. Von Steve McCurry habe ich gelesen, er schieße jeweils Tausende von Bildern und gebe sie dann für die Nachbearbeitung an seine Mitarbeiter weiter.

Auf den Auslöser zu drücken, ist für mich keine Kunst. Doch die Bilder, die dabei rauskommen, können durchaus Kunst sein. Doch woran erkennt man Kunst? Für mich hat sie mit Qualität zu tun.

Der Autor Robert M. Pirsig hat in seinem „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ den Versuch unternommen, Qualität zu definieren. Und dabei herausgefunden, dass sie nicht mit Worten zu fassen ist. Doch sie kann erkannt werden. Intuitiv.

Bei gewissen Fotografien spürt man ganz einfach, dass sie etwas Besonderes, etwas qualitativ Hochstehendes sind, auch wenn sich das Warum mit Worten nicht wirklich ausdrücken lässt. Man spürt das nicht nur, man weiß es. Vielleicht nicht jeder, aber wohl die meisten.

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Im Mai 2008 wurde in der Nationalen Kunstgalerie Zachęta in Warschau eine Ausstellung mit dem Titel „She-Documentalists - Polish Women Photographers of the 20th Century“ gezeigt. Im Katalog zur Ausstellung fand sich auch ein Text von Karolina Lewandowska, in dem sie ausführte, dass die Tatsache, dass so ganz unterschiedliche Fotografien im Kontext dieser renommierten Kunstgalerie miteinander gezeigt werden, nicht bedeute, dass alle zu Kunstwerken erhoben würden – auch wenn das Ganze „im Namen der Kunst“ stattfinde. Vielmehr gehe es darum, die scharfe Trennung von künstlerischer und nicht-künstlerischer Fotografie aufzuheben, indem man aufzeigt, dass die qualifizierenden Charakteristika dynamisch seien.

Die entscheidende Frage, führte Karolina Lewandowska weiter aus, sei nicht, ob eine bestimmte Fotografie Kunst sei oder nicht, sondern ob sie den Betrachter und die Wahrnehmung anderer Fotografien beeinflussen könne, ob sie ein wesentliches Element der Kultur, der Geschichte und der Bilderwelt sei.

Ich finde dies einen praktischen und hilfreichen Gedanken, weil er die Betrachter und nicht die Macher in den Vordergrund rückt.

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Leute, die von dem Label „Fotografie ist Kunst“ profitieren, werden das natürlich anders sehen. Denn mit Kunst lässt sich Geld machen. Viel Geld. Nicht nur Fotografen, Ausstellungsmacher und Kunstkritiker haben ein persönliches, also eigennütziges Interesse daran, dass Fotografie unter Kunst läuft, auch diejenigen, die für Fotografie als Kunst viel bezahlen, möchten, dass ihre Investitionen sich lohnen.

All das hat jedoch weniger mit der Frage zu tun, ob Fotografie Kunst sei, sondern mit den Mechanismen des sogenannten Marktes, gemäß dem Kunst ist, wofür viel bezahlt wird.

Genauer; Was man unter Kunst versteht, unterliegt, wie vieles andere auch, dem gesellschaftlichen Wandel. In unserer gegenwärtigen Kultur, die sich fast ausschließlich an der Ökonomie ausrichtet, entscheidet der Marktwert alles, auch was Kunst ist.

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Doch man braucht sich der vorherrschenden Kultur ja nicht zu unterwerfen. Und auch nicht seinen eigenen Voreingenommenheiten. Verzichte ich einmal auf meine eingangs vorgebrachte Auffassung, dass Kunst von Können komme und betrachte Fotografien von, zum Beispiel, Henri Cartier-Bresson, so ist mir instinktiv klar, dass ich es dabei oft mit Kunstwerken zu tun habe.

Nur eben: Ich halte Cartier-Bresson nicht für einen Künstler (ich habe einmal einen Film gesehen, in dem gezeigt wurde, wie er Fotos „abstaubt“; genauer: Leute reinlegt, um zu überraschenden Bildern zu kommen), sondern für einen höchst unangenehmen Typen (jedenfalls kommt er in dem Film so rüber), der ab und zu Kunst hervorbringt. Kein Wunder, bei den vielen Aufnahmen, die er gemacht hat. Ob das jedoch am Können des Fotografen liegt oder einfach an denen, die fotografiert wurden, ist noch einmal eine andere Frage. Und zwar eine, die sich mir nicht nur bei Aufnahmen fotogener Menschen, sondern auch bei beeindruckenden Landschaften immer wieder stellt und die ich auch gleich beantworten will: Für mich ist in ganz vielen Fällen die Natur die Künstlerin und nicht etwa der Fotograf.




07.09.2017

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Schlagworte: Fotografie und Kunst, David Bailey, Robert M. Pirsig, Polish Women Photographers, Karolina Lewandowska, Cartier-Bresson
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