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und digitalen Bildkunst
 

  Bildwechsel – Fotografie nach der Werkstatt für Photographie, von Peter Fischer Piel
von Redaktion

Anlässlich der Ausstellung Bildwechsel – Fotografie nach der Werkstatt für Photographie (08.04.2016–17.04.2016, Kunstquartier Bethanien) ist im Zimmerverlag Berlin ein Katalog erschienen, der neben den ausgestellten Arbeiten auch umfangreich recherchierte Beiträge zu der Geshichte der Werkstatt für Photographie (1976–1986) und ihrem pädagogischen Konzept enthält.
Der zentrale Aufsatz der Ausstellung über das Thema: Bildwechsel – Fotografie nach der Werkstatt für Photographie wurde von Peter Fischer-Piel, dem Herausgeber des Kataloges und künstlerischem Leiter (Photocentrum der VHS Friedrichshain-Kreuzberg) verfasst. Wir freuen uns, dass wir diesen Artikel mit Genehmigung des Autors online über fotokritik zugänglich machen können. Aus Copyright-Gründen konnten die im Katalog abgedruckten Fotos leider nicht übernommen werden.



BILDWECHSEL – FOTOGRAFIE NACH DER
WERKSTATT FÜR PHOTOGRAPHIE

Peter Fischer-Piel


I. Das Ende der Werkstatt
Eine Ahnung von einem möglichen Ende der Werkstatt für Photographie kündigte sich im Prinzip schon 1983 mit der neuen ästhetischen Aus-richtung an, die im Ausstellungskatalog „Arbeiten ’83“ von den Herausgebern treffend eingeführt wurde.
So heißt es im Vorwort: „Diese Ausstellung zeigt die Fotografie an der Werkstatt in einer Übergangsperiode, ausgedrückt durch die zum Teil radikale Abkehr von den Vorstellungen der letzten Jahre und die verstärkte Suche nach neuen Inhalten und Ausdrucksformen. Obwohl sich alle Beteiligten über die Notwendigkeit einer Überprüfung eingefah-rener Einstellungen einig sind, ist die einzuschlagende Richtung sehr umstritten, meist eher gefühlsmäßig erahnt als von einem klar um-rissenen Programm abgeleitet.“

Die zum Teil radikale Abwendung vom Dokumentarismus machte sich von nun ab auch in der Vermittlungs- und Ausstellungspraxis der Werkstatt bemerkbar. Waren seit Gründung der Werkstatt jährlich zahlreiche Aus-stellungen von renommierten Fotografen und/oder hochkarätig besetzte Workshops die Regel gewesen, nahmen ab 1984 die Ausstellungstätigkeit und die Anzahl der Wochenendseminare merklich ab (was sich auch an-hand des Ausstellungs- und Workshopverzeichnisses sehr gut ablesen lässt).
Ein Highlight war noch einmal die in den USA von John Gossage und Lewis Baltz 1984 initiierte Werkstatt-Ausstellung „Fotografie aus Berlin“, die in New York, Washington D.C. und im California Museum
of Photography
gezeigt wurde. Mit Ausnahme von Thomas Leuner und Hermann Stamm waren alle Dozenten der Werkstatt sowie einige Schmidt-Schüler wie Friedhelm Denkeler, Dieter Binder und Uschi Blume hierbei vertreten. Das brachte noch einmal einen Aufschwung, was jedoch die Diskussion um die neue ästhetische Ausrichtung der Werkstatt, einher gehend mit der sichtlich abnehmenden Anzahl der Ausstellungen und Workshops, nicht verhindern konnte.
Folgerichtig fanden die Aktivitäten des Jahres 1985 bereits mit den „Meisterwerken der Fotokunst“ und einer Ausstellung von Lewis Baltz sowie einem Workshop von Robert Frank ihren Höhepunkt. Schaut man sich die „Werkstatt-Blätter“ der letzten beiden Jahre an, fällt auf, dass zwar viele Ausstellungen, Workshops und Aktivitäten geplant waren, aber relativ wenig davon realisiert wurde.

Nachdem Ulrich Görlich, der die Leitung der Werkstatt von Michael Schmidt im Jahre 1978 übernommen hatte, sich ausschließlich seiner künstlerischen Arbeit zuwandte, teilten sich ab 1985 Thomas Leuner, Hermann Stamm und Gosbert Adler mit jeweils unterschiedlichen Zu-ständigkeiten die Werkstatt-Leitung. So heißt es im Anschreiben an die Hörer der Werkstatt zum Wintersemester 1985: „Liebe Hörer der Werkstatt für Fotografie, mit dem Wintersemester 1985 haben wir offiziell die Organisation der Werkstatt übernommen. Wir hoffen
für die Zukunft die Arbeit und das Kursangebot wieder attraktiver machen zu können.“ Neben einer neuen konzeptionellen Ausrichtung – inhaltlich sah man die Fotografie als Teil der Medienkunst zwischen Malerei und Film – war die neue Werkstatt-Leitung mit der Berliner Kulturverwaltung im Gespräch, um ein Zentrum für Fotografie als Nachfolge der Werkstatt zu etablieren.
Dieses ambitionierte Vorhaben scheiterte aber schon kurz nachdem es aus der Taufe gehoben wurde, denn zur gleichen Zeit verabschiedete sich der langjährige VHS-interne Mentor der Werkstatt, Dietrich Masteit, in den Ruhestand, während Dr. Monika Breger als neue Direktorin der VHS Kreuzberg die bisher sehr wohlwollend im Sinne
der Werkstatt verteilten Mittel demokratisch auf alle Fachbereiche
zu reduzieren beabsichtigte. Mit der Reduktion der finanziellen Mittel und weiteren einschneidenden Beschränkungen wie etwa die Abgabe der Schlüssel für die Räumlichkeiten aber begann ein Streit zwischen der neuen Werkstatt-Leitung und der VHS-Direktion, der die inhaltliche Arbeit überschattete und schließlich zur Auflösung der Werkstatt führte.

Projekte wie die Ausstellung „Meisterwerke der Fotokunst“ in Kooperation mit der Kölner Galerie Tillmann und Vollmer oder die
von Gosbert Adler und Wilmar König für 1985 geplante Ausstellung
DDR-Photo verliefen schwierig oder kamen gar nicht erst zustande. Zwar wurde der DDR-Photo-Katalog noch gedruckt, die Vernissage bestritt man notgedrungen aber mit den Katalogseiten. Neben
Wolfgang Kil, der sich als Leiter des Projekts auf seiten der
DDR in einem Brief über „mangelnde Kooperation“ beschwerte,
machten auch die anfänglich sehr wohlwollenden Partner der Aus-stellung „Meisterwerke der Fotokunst“ aus Köln nach vielen Pannen
und unbeantworteten Anfragen seitens der Werkstatt-Leitung ihrem
Ärger Luft: „Liebe Berliner Fotofreunde, leider muss ich euch noch
ein paar Zeilen zu unserer Ausstellung „Meisterwerke der Fotokunst“ schreiben ... Mit klammheimlicher Freude vernehme ich vom inoffi-ziellen Ende der Werkstatt. Nix für ungut, tschö“.
Wie quälend und frustrierend das letzte Jahr der Werkstatt für Photographie für alle Beteiligten verlaufen sein musste, belegen
die unzähligen Dokumente, die zwischen der Werkstatt-Leitung, der
VHS-Direktion und dem Stadtrat für Volksbildung in Kreuzberg hin-
und her geschickt wurden. Gegenseitige Beschuldigungen bezüglich
nicht eingehaltener Zusagen und Gesprächstermine, immer stärkere Reglementierungen seitens der VHS-Fachbereichsleitung (s. oben), empörte bis beleidigte Stellungnahmen der Werkstatt-Leitung und
die Vermittlungsbemühungen des Vereins der Freunde der Werkstatt
für Photographie
prägen das Bild des letzten Jahres ihres Be-
stehens.
Insbesondere die Reduktion des Ausstellungsetats von 6.000,-
auf 1.600,- DM empörte die Werkstatt-Leitung, die sich angesichts
dieses schmalen Budgets nicht mehr in der Lage sah, die bisherige Ausstellungspraxis weiter zu führen. Die Zuschüsse von seiten des Vereins der Freunde der Werkstatt konnten diese Lücke nicht mehr füllen. Am gravierendsten jedoch wurde die geringe Wertschätzung empfunden, die von seiten der neuen VHS-Direktion der bisher so erfolgreichen Arbeit der Werkstatt entgegengebracht wurde.

Obwohl die Zahl der Schüler und Hörer nicht dramatisch gesunken war, sah sich die VHS-Direktion nun dazu veranlasst, den Nachweis zu er-bringen, dass der Anteil der Werkstatt-Hörer nur einen Bruchteil der Gesamthörer im Bereich der kulturellen Bildung der VHS Kreuzberg ausmachte. Gegenüber dem Bezirk wurde das als Rechtfertigung heran-gezogen, die vom Bezirk bereitgestellten Mittel gerecht auf alle Kursangebote im Bereich Kunst und Kultur verteilen zu müssen. Und obwohl von der BVV ein entsprechender Beschluss gefasst wurde, die „Werkstatt mit solch geeigneten finanziellen Mitteln auszustatten,
um die bisherige Arbeit nicht zu behindern“, wurde der Ausstellungs-etat von seiten der VHS-Direktion zwar nochmals auf 3.000,- DM aufgestockt; zu mehr Kompromissen aber war man offenbar nicht mehr bereit. Der ebenso höhnisch wie treffend betitelte Artikel „Sieg im Volkslied“ zum bevorstehenden Ende der Werkstatt zeigt deutlich das Dilemma, das neben den schon genannten internen Ursachen vor allem in der verwaltungstechnischen Konstruktion verwurzelt war, nämlich die Einbettung eines quasi autonomen Vereins innerhalb einer bezirklichen Institution und den damit verbundenen Abhängigkeiten.

An ein programmatisches Arbeiten in Bezug auf ästhetische und pä-dagogische Positionen zur Fotografie war zu dieser Zeit jedenfalls nicht mehr zu denken. Alles drehte sich einzig und allein um die Querelen mit der VHS-Direktion und das bevorstehende Ende der Werkstatt. Noch vor der offiziellen Auflösung wurde sie bereits
in der Öffentlichkeit zu Grabe getragen, wie ein Kommentar von
Thomas Wulfen im Zitty 3/1986 belegt. Seine Empörung richtete sich einmal mehr dem Umstand, dass aus der künstlerisch und für Berlin so wichtigen Werkstatt für Photographie eine „graue Maus“ werden sollte, der Fotobereich der VHS. – Ein Thema, das auch heute noch nachwirkt und auf das ich noch zurück komme.
Das Ende ist schnell erzählt. Die letzte Ausgabe der „Werkstatt-Blätter“ erschien zum Frühjahrsemester 1986. Die Fotokritik schaffte es noch bis Februar 1988, was aber allein dem Engagement ihres Herausgebers Joachim Schmid geschuldet war. Dann aber wurde auch diese „einzige bedeutende deutsche Fotozeitschrift“ (Joachim Schmid) beerdigt. Am 5. September 1986 schrieb Hermann Stamm den Brief an Bezirksstadtrat Engelmann, der das offizielle Ende der Werkstatt für Photographie endgültig besiegelte: „Sehen Sie bitte die Auflösung der Werkstatt für Fotografie durch die Dozenten .... als Protest gegen die geplanten und inzwischen vollzogenen Maßnahmen der Direktion der VHS Kreuzberg“.

Anlässlich einer Retrospektive von Michael Schmidt 1987 in der Berlinischen Galerie protestierte der damalige Fachbereichs-
leiter Fritz Siegert in einem Leserbrief gegen den im Berliner Tagesspiegel veröffentlichten Artikel „Weder Hauptstadt noch Metropole“, in dem die Schließung der Werkstatt kritisiert wurde. Seiner Meinung nach sollte darin der Eindruck erweckt worden sein,
an der VHS Kreuzberg gebe es nach Schließung der Werkstatt für Photographie keine Fotokurse mehr. Siegert schließt seinen Leserbrief mit den Worten: „In der Verteilung der Gelder für alle kulturellen Fachbereiche besteht die vom Gesetzgeber klar umrissene Aufgabe der Volkshochschule und nicht in einer Galerietätigkeit für profes-sionelle Fotografen.“ – Aus behördlicher Sicht sicherlich korrekt, zeigt dieser Schlusssatz jedoch sehr deutlich, wie bürokratisch-engstirnig und ohne jedes Fingerspitzengefühl die damalige Volks-hochschulleitung angesichts der immensen Bedeutung der Werkstatt
für Photographie agierte. Bedenkt man, wie häufig im Zusammenhang
mit der pädagogischen Ausrichtung der Werkstatt vom „Kreuzberger Modell“ und seinem exemplarischen Vorbildcharakter für alle Volks-hochschulen gesprochen wurde, wird die Absurdität des Arguments
einer angeblichen „Galerietätigkeit für professionelle Fotografen“ offenbar. Ebenso muss bedacht werden, welche Chance hier sowohl für die VHS-Ausbildung als auch das VHS-Image verschenkt wurde – aus heutiger Marketing-Perspektive ein geradezu katastrophales Statement.

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier schreibt am 25. Mai 2014 in seiner Laudatio zum Tode von Michael Schmidt:
„Mit Michael Schmidt verlieren wir aber nicht nur den bedeutenden Künstler, sondern auch den großartigen Lehrer, der sich als Auto-didakt auch besonders um die Vermittlung von Fotografie verdient gemacht hat. Sein Wirken an der VHS Kreuzberg ist beispielgebend
für das zivilgesellschaftliche Engagement von Künstlern.“

Dass Kunst auch etwas mit Ausbildung zu tun hat und ästhetische Bildung nicht allein an den Kunstakademien und Kunsthochschulen stattfindet, ist demnach sogar in der großen Politik angekommen.


II. Nachwirkungen
Nach dem Ende der Werkstatt etablierten sich in West-Berlin – neben dem Lette Verein als handwerklich-technischer orientierter Ausbil-dungsstätte – insbesondere zwei Orte für künstlerisch orientierte Fotografie: die bereits seit 1982 bestehende Fotogalerie im Wedding unter der Leitung von Werner Land, Thomas Rohloff, Ingo Taubhorn und Thomas Michalak, sowie die Arbeitsgruppe Fotografie (Foto-AG) inner-halb der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK).
Insbesondere die Fotogalerie im Wedding bot für viele ehemalige Werkstatt-Dozent*innen und Schüler*innen ein neues Zuhause. Thomas Leuner und Wilmar Koenig übernahmen rasch Dozenturen, ebenso die ehemaligen Werkstatt-Schülerinnen Ulla Haug und Ursula Kelm. Daneben zählten Ingo Taubhorn (heute Kurator der Deichtorhallen Hamburg), Klaus Wefringhaus (Mitbegründer des Museums für Photographie in Braunschweig) und Thomas Michalak (heute Dozent für Fotografie am Photocentrum der VHS Friedrichshain-Kreuzberg) zu den engagiertesten Betreibern der Fotogalerie. Andere ehemalige Werkstatt-Dozenten wie Hermann Stamm (heute Professor für Fotografie in Weimar), Sibylle Hoffmann (heute VHS Friedrichshain-Kreuzberg) und Bernd Kreutz gaben Workshops zu verschiedenen Themen der Fotografie. Daneben konnten Persönlichkeiten wie Peter Weiermair (damals Direktor des Frankfurter Kunstvereins) oder Wolfgang Zurborn (Fotograf und Gastprofessor für Fotografie an mehreren Hochschulen) für das Seminarangebot engagiert werden. Allerdings mussten viele Seminare mangels Anmeldungen auch wieder abgesagt werden, was zu erheblichen Deckungslücken im Etat führte. Um die finanziellen Löcher zu stopfen, wurde 1988 das „Forum für aktuelle Fotografie Berlin e.V.“ als Trägerverein gegründet.
Doch auch die annähernd 60 Fördermitglieder schafften es nicht, die Galerie am Leben zu erhalten. 1989, kurz vor dem Mauerfall, wurde das Projekt beendet.

Während die Fotogalerie im Wedding neben den Ausstellungen sich in Anlehnung an die Werkstatt auch der freien künstlerisch orientierten Ausbildung und Seminartätigkeit widmete, setzte man in der NGBK dagegen auf die Fortsetzung der von der Werkstatt so erfolgreich praktizierten Ausstellungspraxis. Obwohl die NGBK bereits seit 1969 besteht, etablierte sich die AG Fotografie erst 1986, also im Jahr der Auflösung der Werkstatt. Mit dabei waren von Anfang an die ehemaligen Werkstatt-Schüler Wolfgang Ritter und Klaus Kroh. Die erste Ausstellung der Foto AG war eine Retrospektive mit Kriegs-bildern von Robert Capa (1986), im Jahr darauf folgte eine Aus-stellung des letzten Werkstatt-Leiters Hermann Stamm (1987). 1989
gab es bereits vier Ausstellungen der Foto-AG (u.a. Tina Modotti
und Stadtfotografie Berlin), 1991 folgte die erste und bisher einzige Aufarbeitung der Werkstattgeschichte mit dem Titel „Fotografie hat Sonntag“. Maßgeblichen Anteil daran hatte der Fotohistoriker Enno Kaufhold, der hierzu sorgfältig recherchierte und sich auch nicht scheute, die internen Ursachen der Werkstatt als einen der Auf-lösungsgründe zu thematisieren. Nach dem Ende der Fotogalerie im Wedding engagierten sich Ingo Taubhorn, Thomas Michalak und Sibylle Hoffmann in der NGBK und realisierten dort etliche Ausstellungs-projekte. Eines der wichtigsten Projekte war das 1999 initiierte Symposium „Fotografie im Zentrum – Centrum für Photographie“ in Zusammenarbeit mit der DGPh. Im Rahmen dieses Symposiums wurde das geplante Berliner „Centrum für Photographie“ (DCP) erstmals einer breiten Öffentlichkeit präsentiert, was allerdings nicht verhindern konnte, dass die so genannte „Mini- oder Zwergenlösung“ auch sehr schnell wieder beerdigt wurde. – Die AG Fotografie ist seit ihrer Gründung 1986 bis zu ihrer Auflösung im Jahr 2011 eine der aktivsten Gruppen innerhalb der NGBK geblieben. Ihre erfolgreiche Arbeit ist sicherlich auch der institutionellen Einbettung der gesamten NGBK
und deren hohen Mitgliederzahlen geschuldet. – Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang das 1984 von Dietmar Bührer
ins Leben gerufene Magazin Brennpunkt, das für die freie Berliner Fotoszene seit mehr als 30 Jahren eines ihrer wichtigsten Publikationsorgane geblieben ist.

Den Unterricht an der Volkshochschule, dem nun so benannten „Fotobereich an der VHS Kreuzberg“, bestritten nach dem voll-ständigen Rückzug der Werkstatt-Dozenten zunächst die Dozenten aus dem sogenannten „Werkstatt-Sonderprogramm“ (Ursula Kelm, Bettina Busse und ich), sowie die ehemaligen Werkstatt-Schüler*innen Sibylle Hoffmann, Marlies Martins und Edeltraud Veidt. Schaut man sich das Kursangebot der VHS Kreuzberg im Herbst 1986 an, wird deutlich, welche Zäsur das Ende der Werkstatt bedeutete: drei Kurse zu Frauen und Körpersprache, sowie je ein Kurs zum „Fotografischen Sehen“ und zur „Technik des Zonensystems“. Keine programmatische Ausrichtung mehr, keine Ausstellungen, keine Workshops, nichts. Auch war die Dozentenschaft zu diesem Zeitpunkt noch kaum miteinander vernetzt, von einem „Wir-Gefühl“ oder einem künstlerischen Anspruch wie an
der Werkstatt für Photographie war man meilenweit entfernt. Die fotografische Ausbildung war – so könnte man mit dem damaligen Fachbereichsleiter Fritz Siegert sprechen – wieder zu ihrem
„klar umrissenen Bildungsauftrag“ zurück gekehrt.

Nicht zuletzt deshalb gab es schon Ende der 80er Jahre die Über-legung, den Fotobereich wieder autonom zu gestalten und aus der Volkshochschule heraus zu lösen, ähnlich wie bei der Werkstatt-Gründung von Michael Schmidt in den 70er Jahren oder den o.g. Bemühungen der letzten Werkstatt-Leitung, ein Zentrum für Fotografie als Nachfolgerin der Werkstatt ins Leben zu rufen. Der ab 1987 hinzugekommene Dozent Dr. Horst Werner und ich waren die treibenden Kräfte, einen eigenen Verein für zeitgenössische Fotografie nach Vorbild der Werkstatt für Photographie zu gründen, ohne in die Verwaltungsstrukturen der Volkshochschule eingebunden sein zu müssen. Lehrangebote wie „Philosophien der Fotografie“ oder „Kritik des Zonensystems“ standen hier im Fokus, gesprochen und diskutiert wurde ausschließlich über Fototheorien (Flusser, Kemp, Barthes, Sontag, rauf und runter). Die technische Vermittlung von Fotografie, aber auch die Realisierung von künstlerischen Projekten standen zunächst nicht zur Diskussion. Horst Werner kehrte der Idee nach starkem anfänglichen Engagement schon frühzeitig den Rücken, während ich versuchte, das Projekt mit den daran interessierten Teilnehmer*innen weiterhin zu realisieren. Mehr als unendlich viele Diskussionsabende beim „Griechen“ in der Friedrichstraße und Kursangebote mit dem denkwürdigen Titel „Fotografen haben nur Augen, keinen Verstand“, kamen nach zwei Jahren intensiver Bemühungen jedoch nicht heraus.


III. Neubeginn an der VHS Kreuzberg
Während das ZEITmagazin bereits 1996 den Einzug Michael Schmidts „ins Allerheiligste der modernen Kunst“ feierte, benötigte der Fotobereich an der VHS Kreuzberg zunächst einige Anlaufzeit, bis mit dem Aus-scheiden von Fritz Siegert 1991 der neue Fachbereichsleiter Peter Held das Programm übernahm und sich stark für den Fotobereich engagierte. Dazu kam, dass die Fotogalerie im Wedding ihre Pforten geschlossen hatte und die dortigen Dozent*innen den Schwerpunkt
ihrer Tätigkeit wieder auf die VHS verlagerten (Ursula Kelm, Sibylle Hoffmann und Marlies Martins). Mit dem ehemaligen Werkstatt-Schüler Oliver S. Scholten vergrößerte sich das Dozenten-Team zu Beginn der 90er Jahre auf insgesamt 12 Dozent*innen, entsprechend umfangreicher und vielgestaltiger entwickelte sich das Kursangebot. Themen wie „Abbilder – Sinnbilder“, „Experimentelle S/W-Fotografie“, „Insze-nierte Fotografie“, „Konzeptfotografie“, „Vom Portrait zum Zeitgeschehen“, „Literatur und Fotografie“ und erstmals auch „Digitalfotografie“ zeigen deutlich, dass sich die Fotografie-Ausbildung an der VHS Kreuzberg weit von der Werkstatt entfernt
hatte und zugleich zu emanzipieren begann.

Das 1994 in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) durchgeführte Symposium „Inzwischen“ kann als
ein Meilenstein in der weiteren Entwicklung des Fotografiebereichs betrachtet werden: Erstmals nach Schließung der Werkstatt für Photographie gelang es wieder, ein breites, an künstlerischer Fotografie interessiertes Publikum in die Volkshochschule zu holen. Das Symposium beschäftigte sich mit den Veränderungen und Kon-sequenzen des Digitalen für die Fotografie und ihre Vermittlungs-praxis. Peter Held schreibt in der zum Symposium erschienenen Publikation „Fotografie und Erwachsenenbildung“: „Welches institutionelle Modell für die Volkshochschulen in Berlin auch
immer zum Tragen kommen wird – privatisiert, teilprivatisiert als öffentlichrechtliche Einrichtung oder zentralisiert –, die Volks-hochschule kann nicht bleiben, wie sie ist, oder sie wird zum Weiterbildungsmuseum gerinnen, von der Politik wie von den
BürgerInnen gleichermaßen nicht mehr ernstgenommen.“

Mit dieser neuen Orientierung an den „Markt- und Bildungsauftrags-kriterien nach den Methoden modernen Managements“ (Peter Held) entwickelte sich neben dem 3-stufigen Kurssystem eine lebendige Workshop-, Symposiums- und Ausstellungskultur. Die Themen der Workshops beschäftigten sich neben künstlerischen Fragestellungen
vor allem mit der neuen Ästhetik des Digitalen, zum Beispiel
„Advanced Art – Kunst und Fortschritte“, „Forum Fotografie:
Fotografie als Erinnerungsbildung“, „Fotografie goes Fotodesign“
oder „Digitale Bildbearbeitung – ästhetische Probleme und didaktische Konzepte“. Bei den Symposien dauerte es zunächst bis 1999, um ein weiteres, internationales Symposion an die Volkshochschule zu holen, die „Versions of British and German Photography“ in Zusammenarbeit mit British Council und dem NGBK. Mit renommierten britischen Foto-künstlern und einer eigens dafür konzipierten Ausstellung wurde eindeutig signalisiert, dass der Fachbereich Fotografie der VHS Friedrichshain-Kreuzberg wieder ernst genommen werden wollte.

Nachdem 1991 die Foto-AG in der NGBK mit dem Projekt „Fotografie hat Sonntag“ den ersten und bis dahin einzigen Versuch unternommen hatte, die Bedeutung der Werkstatt für Photographie zu beleuchten, wurde 2001 mit dem Projekt „Ortswechsel“ noch einmal der Antrag gestellt, die seit 25 Jahren in der Versenkung verschwundene Legende zu würdigen und darüber hinaus die neu entstandenen, relevanten Orte
für Fotografie zu präsentieren. In der Foto-AG waren neben Katia Reich und Angela Klaucke von der NGBK sowie Winfried Mateyka als ehemaligen Werkstatt-Schüler mit Peter Held, Sibylle Hoffmann, Ann-Christine Jansson und mir gleich vier VHS-Dozent*innen an dem Projekt beteiligt. Bedauerlicherweise fand es nicht die Zustimmung der NGBK-Mitglieder, die Chance einer umfangreichen Aufarbeitung der Werk-stattgeschichte einschließlich der Fotografie in der DDR sowie Christer Strömholms Fotoskolan Stockholm war damit vertan.

Anfang 2003 erfolgte der Umzug von der Friedrichstraße 210 an den Wassertorplatz. Auch dieser Umzug war nicht frei von Konflikten, und fast wäre der Bereich „Kulturelle Bildung“ an der VHS Friedrichshain-Kreuzberg abgewickelt worden, hätte sich nicht eine alte Schule am Wassertorplatz in Kreuzberg als neuer Standort gefunden. Ohne diesen „Umzug in letzter Minute“ (Peter Held) gäbe es den Fotobereich der VHS Friedrichshain-Kreuzberg wahrscheinlich nicht mehr, zumindest wäre er nicht der, der er heute ist. Das Team setzt sich aktuell
aus den von Anfang an dabei gewesenen Dozent*innen Sibylle Hoffmann, Fin Porzner, Oliver S. Scholten, Horst Werner und mir, sowie seit 1998 Thomas Michalak zusammen. Ab der Jahrtausendwende vergrößerte
es sich durch Ann-Christine Jansson (2001), Dr. Enno Kaufhold (2005), Ebba Dangschat (2007), Klaus W. Eisenlohr (2008), Susan Paufler (2010) und Aki Güldner (2011). Auch wurde das Programmangebot
seither mit neuen Kursangeboten im Bereich des Bewegtbildes
(hier v. a. Werner Mühleisen seit 2008), David Puntel seit 2012
als Dozent für alte fotografische Verfahren sowie fremdsprachiger Fotografieunterricht mit Erika Babatz (seit 2013) erweitert.


IV. Das Photocentrum der VHS Friedrichshain-Kreuzberg
Um der Sonderstellung im Bereich der fotografischen Volkshochschul-Ausbildung, die der Fachbereich Fotografie nunmehr erreicht hatte, gerecht zu werden, wurde Anfang 2003 als eine Art Reminiszenz an die Werkstatt der Begriff Photocentrum am Wassertorplatz der VHS Friedrichshain-Kreuzberg ins Leben gerufen. Mit diesem neuen Label wurde der Versuch gemacht, den weit über Berlin herausragenden Ruf des Fotobereichs zu festigen und das Photocentrum am Wassertor als neuen Ort für Fotografie zu etablieren.
Inzwischen ist die Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg mit mehr als 100 Kursangeboten und fast 1300 Teilnehmern jährlich einer der größten Anbieter für engagierte, anspruchsvolle und künstlerische Fotografie bundesweit. Das entspricht etwa dem Fünffachen der Teil-nehmerzahlen der Werkstatt zu ihren besten Zeiten und ist deutlich mehr, als die meisten Ausbildungsstätten für Fotografie – sowohl private Schulen als auch staatliche Einrichtungen und Hochschulen – aufweisen. Keine Einzelschule in Deutschland bietet meines Wissens mehr Kursangebote und Teilnehmerzahlen im Fachbereich Fotografie an.

Waren es ab Beginn der 90er Jahre die Symposien, Workshops und Kolloquien, die vorrangig für Publikumswirksamkeit und damit auch
für dauerhaft hohe Teilnehmerzahlen sorgten, entwickelte sich vor allem ab den 00er Jahren eine äußerst rege Ausstellungs- und Publikationstätigkeit. Pionierarbeit leisteten in dieser Hinsicht Sibylle Hoffmann, Oliver S. Scholten, Thomas Michalak und Ann-Christine Jansson, die kontinuierlich mit Ausstellungen ihrer Projektklassen aufwarteten. Inzwischen ist die Zahl der jährlich parallel laufenden Projektkurse auf durchschnittlich vier bis
fünf angestiegen, ebenso werden pro Jahr vier bis fünf Aus- stellungen mit den Ergebnissen aus den Projektkursen gezeigt, die
in der Regel von Publikationen in Form eines Ausstellungskatalogs
und Internetrepräsentationen begleitet werden.
Fanden diese Ausstellungen anfangs noch in den Räumen der Volks-hochschule statt, nehmen es die Teilnehmer*innen und Dozent*innen inzwischen auf sich, Zeit und Geld in optimale Ausstellungsräume zu investieren, um ihre Projektergebnisse angemessen präsentieren zu können. Im Unterschied zu den namhaften Ausstellungen der Werkstatt, sind die Ausstellungen nunmehr fast ausschließlich Teilnehmer*innen-Präsentationen, was sicherlich ein Grund dafür sein könnte, dass die öffentliche Beachtung nicht die damalige Reichweite und Reputation der Werkstatt erreicht. Aber mal ehrlich: würden etwa Ralph Gibson oder Robert Frank heute eine Ausstellung in der VHS Friedrichshain-Kreuzberg einer Retrospektive im Martin-Gropius-Bau vorziehen? Und welche Institution würde sich heute nicht darum reißen, Diane Arbus in den eigenen Räumen zeigen zu können? – Richtig: die Zeiten haben sich geändert.

Dass aber nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der fotografischen Ausbildung stimmt, lässt sich nicht nur anhand der vielen Projektergebnisse aufzeigen, sondern ist auch durch die Tatsache belegt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Hörer*innen von anderen Ausbildungsstätten für Fotografie und vor allem auch ein hoher Anteil ausländischer Fotograf*innen an das Photocentrum der VHS Friedrichshain-Kreuzberg kommt. Noch immer ist die Volkshochschule für alle offen, auch das Preissegment für das insgesamt 5-stufige Modulsystem zum Erwerb des Zertifikats „Fotografie“ ist bei keinerlei Vertragsverpflichtungen vergleichsweise sehr moderat. Damit wird einerseits dem Bildungsauftrag der Volkshochschule, eine offene Einrichtung für alle Bürger zu sein, absolut entsprochen, andererseits das in künstlerischen und akademischen Kreisen weit verbreitete negative Image der Volkshochschule widerlegt. Auch wird das seit 2003 bestehende Zertifikatangebot inzwischen genutzt.
Eine Kooperation mit der Berlinischen Galerie besteht seit 2013, Teilnahmen von Hörern und Projektklassen am renommierten Berliner Monat der Fotografie (MdF) sowie mehrere Anschlussausstellungen
von Projektkursen im In- und Ausland runden die insgesamt sehr erfreuliche Entwicklung ab.

Die fotografische Ausbildung am Photocentrum hat mit der vor 40 Jahren von Michael Schmidt propagierten Vermittlungspraxis nicht
mehr allzuviel zu tun. Zu verschieden sind die Dozent*innen in
ihrer individuellen künstlerischen und pädagogischen Ausrichtung. Noch weniger korrespondieren die Themen, Stile und Konzepte, die
sich weit vom einstigen Dokumentarismus der Werkstatt entfernt
haben. Allein die Ernsthaftigkeit und das Engagement für das Medium Fotografie, mit dem überall am Photocentrum gearbeitet wird, lässt sich mit der „Intensität und Leidenschaft“ an der Werkstatt vergleichen, von der Thomas Weski kürzlich sprach.
Auch deshalb kommen Projekte mit hohem künstlerischen Output zu-stande. So schreibt beispielsweise Enno Kaufhold: „Noch eine kleine Anmerkung: Volkshochschule hat generell einen nicht so guten Ruf.
Was ich gestern Abend in der Ausstellung der VHS-Kreuzberg (Nachfolger der berühmten Werkstatt für Photographie) im Kunstquartier Bethanien gesehen habe, ist eine exzellente Gruppen- und Themenausstellung, wie ich sie lange nicht mehr gesehen habe. Da stimmt alles bis ins Detail und die einzelnen Arbeiten haben ein Niveau, das sich im allgemeinen Fotokunstbetrieb mehr als sehen lassen kann. Die einzige Einschränkung, die ich bei aller Begeisterung habe, sie geht nur bis zum 19. Oktober.“

Und der Ende 2015 in den Ruhestand gegangene, langjährige Fach-bereichsleiter Peter Held ergänzt quasi aus innerer Perspektive:
„Eine derartig motivierte Teilnehmer*innenbindung bei dem hohen zeitlichen und finanziellen Aufwand ist nicht selbstverständlich
und ein unschätzbares Bildungspotential, das wir uns in den letzten Jahren und Jahrzehnten – angefangen hat es 1976 mit der heute legendären Werkstatt für Photographie – erarbeitet haben. Die Fotografie ist weit über Berlin hinaus zum untrüglichen Identitäts-merkmal der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg geworden –
manche halten uns sogar für die Berliner Volkshochschule.“
30 Jahre nach Schließung der Werkstatt für Photographie, die neben den genannten internen Ursachen auch einem falsch verstandenen Bildungsauftrag der damaligen VHS-Leitung geschuldet ist, kann
dieses Potential genutzt werden, jenen Vorbildcharakter, den sich
das Photocentrum der VHS Friedrichshain-Kreuzberg heute wieder
erarbeitet hat, weiter zu tragen und zu einem Konzept auch für
andere Volkshochschulen zu machen.


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Bildwechsel – Fotografie nach der Werkstatt für Photographie
Herausgeber: Fischer-Piel, Peter

mit Beiträgen von Dr. Enno Kaufhold, Thomas Leuner, Ursula Kelm, Peter Fischer-Piel, Fotos aus der Werkstatt für Photographie von Friedhelm Denkeler sowie zahlreichen Dokumenten aus 40 Jahren (West)-Berliner Fotografiegeschichte.

zimmerverlagberlin 2016
Auflage: 500., Bücher / Hardcover (1. April 2016)
ISBN-10: 3981398270
ISBN-13: 978-3981398274

24.10.2016