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  Vom Lernen und Entlernen. Fotografie und Fotokunst auf der documenta 14 in Kassel. - Seite 7


Allgegenwärtig ist das Thema Migration. Das Leben von in Nordhessen Zugezogenen thematisiert Ahlam Shibli in der 2017 entstandenen Reportage „Heimat“. Diese wird, ordentlich ausgedruckt und gerahmt, von kleinen Texttafeln begleitet, auf denen zum Beispiel Folgendes zu lesen ist: „El Torito – Spanische Spezialitäten, Kassel, 08.03.2017. Maria Dolores Sabates Juliana kam 1973 aus Barcelona. Ihr Ehemann Adolfo Suarez war schon früher von Madrid aus nach Kassel gezogen. Er arbeitete als Gastarbeiter bei VW. Seine Frau Juliana wurde Spanischlehrerin und gab privaten Nachhilfeunterricht. 1999 eröffnete sie ihren Laden auf der Holländischen Straße. Herr Suarez ging 2009 in Rente.“ Die bildjournalistische Arbeit informiert freundlich und sachlich über Menschen, die man nicht kennt und versorgt den Betrachter mit pseudogenauen Informationen, die man nicht bräuchte, wiesen nur die Fotos über sich hinaus. „Heimat ist ein angeeigneter Raum. Sie existiert objektiv nicht in der Wirklichkeit“ wird Shiblis Kollege Santu Mofokeng im Begleittext der John Berger gewidmeten Serie zitiert. Man merkt, „Heimat“ zu fotografieren ist schwer, auch wenn es im Auftrag der documenta geschieht. Oder nicht? Denn am selben Ausstellungsort, dort aber schwerer zu finden, werden drei Serien von Ulrich Wüst gezeigt: „Stadtbilder“ (1980-83, also noch aus der DDR), „Morgenstraße“ (1998-2000) und „Dorf“ (2014-16) über die Gemeinde Nordwestuckermark. Man merkt sofort: Der Fotograf kennt sich aus. Mit gnadenloser Lakonie seziert er das architektonische Geflecht der Plattenbauen, der verlassenen Industrieanlagen und der stolzen Neubaugebiete und legt mit Präzision und Schärfe in insgesamt 76 kleinen „Silbergelatineabzügen“ frei, wie sich der Traum des Menschen nach einem schönen Leben materialisiert und wie schnell dies nach Abwanderung der Arbeitsplätze zu einem Alptraum werden kann. Wüst entspricht vermutlich ganz dem Credo der Kuratoren, weil er zurückgezogen lebt, nur von Zeit zu Zeit ein Fotobuch (wie „Morgenstraße“, 2001) sozusagen als Flaschenpost nach draußen schickt, aber sonst auf dem Markt praktisch nicht präsent ist, es sei denn, es ginge um unabhängige Positionen der späten DDR-Fotografie. Denn in dieser Schublade steckte Wüst bislang (was eine Last sein kann). Für das Publikum könnte die große Präsentation seiner zum genauen Hinsehen zwingender Arbeiten DIE Entdeckung jenseits der selbstgefälligen und plakativen „Fotokunst“ aus der Düsseldorfer Schule sein. In Athen wird von Wüst ein Leporello gezeigt, das aus einer Kombination von Fotos mit Zeitungsüberschriften besteht.

11.06.2017

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