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Blog zur zeitgenössischen Fotografie
und digitalen Bildkunst
 

  Nach Parr – Über den Markt mit Fotobüchern
von Thomas Wiegand

Bücher sind ideal, um Fotos, insbesondere ganze Serien, zu veröffentlichen. Vorteile sind leichte und preiswerte Verfügbarkeit und die Möglichkeit, auch umfangreiche Arbeiten präsentieren zu können. Gegenüber Ausstellungen derselben Bilder gibt es auch Nachteile, so das kleine Format oder die durch den Druck erfolgte Transformation in ein anderes Wiedergabeverfahren. Ob die festgelegte Reihenfolge in einem Buch gegenüber einer Hängung an der Wand ein Vor- oder Nachteil ist, kommt auf den Einzelfall an. Bücher bieten auf jeden Fall eine gute Möglichkeit, das Werk von Fotokünstlern kennenzulernen. Nicht nur sogenannte Künstlerbücher müssen als eigenständige Werke ernst genommen werden; ob Ausstellungskataloge oder Monografien dazu gehören, müssen die Nutzer selbst entscheiden.
Fotobücher fristeten eher ein Schattendasein auf dem Markt. Dieser war überschaubar, es gab und gibt nur wenige spezialisierte Buchhändler und Antiquare und selten Versteigerungen. Eine Vielzahl von Büchern stand einer geringen Menge an Orientierung gebender Sekundärliteratur gegenüber. Diese Situation hat sich spätestens mit Erscheinen des zweibändigen Werks von Gerry Badger und Martin Parr geändert: The Photobook, A History, Phaidon, London und New York 2004 und 2006 (www.schaden.com/book/ParMarThe03434.html, www.schaden.com/book/ParMarThe04428.html). Kunsthistoriker Badger sorgte für die Texte, Sammler Parr für die Ware. Auch wenn das Werk nicht als Kanon bildend gedacht war, sondern die subjekten Vorlieben von Sammler und Wissenschaftler spiegeln sollte, scheint sich der Doppelband als maßgebliche Instanz für In und Out etabliert zu haben. Nimmt man noch die beiden von Andrew Roth herausgebenen Bücher The Open Book (2004, www.schaden.com/book/The03486.html) und The Book of 101 Books (2001, www.schaden.com/book/RotAndThe00913.html) hinzu, kommt man doch auf einen auf historischem, ästhetischem und kunstgeschichtlichem Fundament ruhenden Kanon von vielleicht 800 maßgeblichen Fotobüchern mit dem Charakter geschlossener Werke. Ohne dies hier näher definieren zu können – zu den Werken zählen Bildbände, illustrierte Belletristik, Sachbücher, Monographien, Ausstellungskataloge, Künstlerbücher, gleich ob in Kleinauflagen oder als Massenware. Vor allem ist mit dieser Kür eine Popularisierung verbunden. Der Kanon besteht – grob geschätzt – aus je einem Drittel extrem raren, praktisch unbezahlbaren und selbst in den Fachbibliotheken kaum vorhandenen Titeln und einem Drittel seltener Bücher, die man durchaus auf dem Markt antreffen kann, während der Rest noch im Neubuchhandel bzw. durch große Auflagen für Jedermann erschwinglich ist.
Wie bei einem Indexfonds ließe sich nun mit dem Parr in der Hand eine aussichtsreiche Kollektion an Büchern zusammenstellen. Geschmack und Fachkenntnis sind nicht mehr nötig, wenn nur die Börse gut gefüllt ist. Denn die Preise auf dem Fotobuchmarkt sind spürbar gestiegen – selbstverständlich ohne Garantie für weiteren Anstieg. Durch die Popularisierung der Titel wurden weltweit neue Käuferschichten erschlossen. Das gilt sowohl für Europa, wo die Entdeckung der japanischen Klassiker (Araki, Moriyama, Kawada etc.) forciert wurde als auch umgekehrt für Asien oder Amerika, wo man jetzt die Fotobuchkultur Europas verstärkt zur Kenntnis nimmt. Dass die Welt schön sei, wie Albert Renger-Patzsch (bzw. sein Verleger) es 1928 fotografisch zu beweisen suchte, wußten eigentlich alle mit der Materie Vertrauten. Dass aber die eigenen Eltern Witzfiguren sein können (Ray's a Laugh, Richard Billingham, 1996, www.designboom.com/eng/funclub/billingham.html) oder dass Gewalt eine Art Pornografie sei, wie von Klaus Staeck visuell untermauert (Pornografie, 1971, www.edition-staeck.de/index.html?d_23006_KLAUS_STAECK_Pornografie2535.htm), gehörte eher zum Spezialistenwissen. Folgen von Parr: Selbst die deutschsprachige Parallelausgabe oder die spätere Paperbackausgabe von Billinghams Werk (2000) sind derzeit quasi unauffindbar, für die originale Hardcoverausgabe müssen 400 oder mehr Euro gezahlt werden, vom Künstler signiert noch mehr. Staecks Buch wird, weil in den beiden früheren Auflagen vom Markt verschwunden, als Reprint neu herausgebracht. Die Preise für Renger-Patzschs altbekanntes und häufig angebotenes Werk Die Welt ist schön stagnieren dagegen, jedenfalls für die vielen, vielen Exemplare ohne Schutzumschlag, die keiner mehr haben will, der bei Parr gesehen hat, wie gut und eindrucksvoll das Buch in seinem von Vordemberge-Gildewart geschneiderten „Jacket“ daherkommt. Und die ganz Hartgesottenen beißen sich an der (bei Parr nur erwähnten, aber nicht abgebildeten) Komplettversion mit Bauchbinde und Schuber die Zähne aus, für die Phantasiepreise zu zahlen sein dürften, wenn überhaupt mal ein Exemplar zu haben wäre… Die sogenannten Mint-Sammler (mint = neuwertig und vollständig, den Begriff hat mir ein freundlicher Antiquar erst erklären müssen) und ihre Hoflieferanten sind die Fürsten, die argwöhnisch auf das Fußvolk der Parr-Spekulanten herabsehen. Sie sind die Alteingesessenen, die die Zuzügler auf Distanz zu halten trachten. Bestimmt wird eine ernsthafte Beschäftigung mit dem 35-Euro-Reprint von Staecks Pornografie (2007) genauso gut möglich sein wie mit der vielleicht 10fach teureren Originalausgabe (1971), aber das interessiert die „richtigen“ Sammler nicht, denn sie sammeln ja nur… Und wie ist dann die Auflage von 1978 zu bewerten, als zweite Originalausgabe, erster Reprint, verspätetes Original oder für Sammler wertloser Nachdruck?
Der kenntnisreiche Antiquar Roth oder der omnipräsente Fotograf Parr haben selbstverständlich immer die richtigen Bücher ausgewählt. Denn sie hatten oder haben diese (nach Möglichkeit gleich mehrfach) in ihren eigenen Sammlungen – man kann ja nur über das schreiben, was man kennt. Willkommen der Nebeneffekt, dass sich das Präsentieren der eigenen Sammlung schließlich in einem gestiegenen Marktwert auszahlt. Mithin ist Verkaufen zum richtigen Zeitpunkt angesagt. Diese Strategie ist aus dem Umgang von Privatsammlern mit Kunstmuseen bekannt – man leiht etwas an ein Museum aus, wo es ausgestellt und damit veredelt wird, zieht es dann bei nächster Gelegenheit wieder ab und kassiert beim Verkauf einen schönen Mehrwert. Alle profitieren davon, die Pioniersammler mit dem guten Riecher, die Museen und die interessierte Öffentlichkeit, die potenten Sammler, die nur sichere, akzeptierte Ware kaufen, wenn auch teurer. Nicht anders dürfte dieser Mechanismus bei den Fotobüchern funktionieren, besonders nach Parr.
Dazu ein Beispiel: Das 2002 erschienene Buch Endcommercial der Herren Böhm, Pizzaroni und Scheppe (www.hatjecantz.de/controller.php?cmd=detail&titzif=00001221) handelt von den architektonischen Zutaten, die New York zu der Großstadt machen und war seinerzeit für 39,80 Euro im Handel. Es war schon vergriffen, als es im Parr2 gelistet und damit nachhaltig popularisiert wurde. Kurz nach Erscheinen von Parr2 war das Buch „noch“ mit etwa 150 Euro geradezu ein Schnäppchen. Inzwischen liegt der Preis pro Exemplar – so einer der Mitautoren – „seiner Rarität halber absurderweise“ im oberen drei- oder gar deutlich im vierstelligen Bereich, also in einer Preisregion, in der man auch unzweifelhafte Klassiker wie Die Welt ist schön oder Blossfeldts Urformen der Kunst erwerben könnte. Ob der ohne Frage verdient aufs Schild gehobene Newcomer sich in dieser Preisregion wird halten können? Man erinnere sich an die Spekulationsblase, die vor wenigen Jahren mit der realistischen Bewertung von Internet-Aktien platzte; selbst die Post mußte anschließend wieder klein anfangen…
Dieses Enteilen der Preise darf als Zeichen der gestiegenen Wertschätzung von Fotobüchern als einer Spezialform künstlerischer Multiples verstanden werden. Viele, aber bei weitem nicht alle Fotobücher, sind formal und inhaltlich Werke und nicht nur Ansammlungen von gedruckten Bildern. Um solche Werke als solche erkennen zu können, ist die Hilfestellung von Roth, Parr und Co, zu begrüßen. Dass Preise steigen bzw. die Anforderungen an die Qualität der Ware, ist die logische Konsequenz des Kunstmarktes, dessen Mechanismen zunehmend auch für Fotobücher gelten.
Den nicht im Kanon vertretenen, zu Unrecht übersehenen Fotografen und Fotografinnen und ihren Werken ist zu wünschen, dass auch sie irgendwann entdeckt werden. Den vom Kanon erfassten Fotokünstlern ist zu wünschen, dass sie die Popularität für sich nutzen können. (Andreas Magdanz kann seinen zweifelsohne großartigen Band Dienststelle Marienthalwww.dienststellemarienthal.de/ – aus dem Jahre 2000 schon lange nicht mehr liefern. Die Auflage lag bei 1500 Exemplaren, aber irgendwann ist auch eine solche Menge weg. Jetzt hat der Fotograf folgende Möglichkeiten: Nachdrucken des Buches oder Anbieten von Originalabzügen aus der Marienthal-Serie oder mit der gewonnen Bekanntheit seiner Arbeit auf den Erfolg neuer Projekte hoffen). Den vom weltweiten Angebot der Internetplattformen profitierenden (oder gebeutelten) Händlern ist reichlich Ware – ein böses Wort für ein hehres Kulturgut – zu wünschen, denn noch ist die Nachfrage da. Den armen Sammlern und Wissenschaftlern ist Zufriedenheit mit Neu- und Nachauflagen zu wünschen, oder eine richtig betriebene Einkaufspolitik oder eine gute Bibliothek, die das schon früher im Interesse der Öffentlichkeit erledigt hat. Oder man hat viel Geduld, um entweder im uninformierten Handel Schnäppchen zu erwischen oder abzuwarten, bis sich die Preise mangels Nachfrage wieder auf ein bezahlbares Maß reduziert haben. Oder man kauft zukunftsträchtige Bücher, solange sie noch günstig sind – aber dazu gehören Wissen, Erfahrung, Übersicht und eine Finanzkraft, die auch Fehlentscheidungen verkraftet. Der ehemals ruhige Fotobuchmarkt ist zum Feld für Spekulationen geworden, ein Preis, den man unweigerlich für seine Öffnung zu zahlen hatte.

PS: Anstatt sich mit seiner angestammten Arbeit zu beschäftigen, schrieb der Autor ehrenamtlich diesen Erfahrungsbericht. Bei der Internetrecherche nach Jahreszahlen und Preisen fand er soeben eines der genannten Bücher für 18 Euro, vielleicht sogar in der Erstausgabe, Marktwert dann etwa das fünfzehnfache, und kaufte es kurzentschlossen. So gesehen hat sich die Arbeit schon gelohnt… Bis bald, bei Ebay!

18.02.2007