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  Festivals der großen Zahl
von Joachim Schmid

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Festivals der großen Zahl -

Der langjährige Direktor des Fotofestivals in Arles, trat kürzlich mit angemessenem Trara und unter Protest von seinem Amt zurück, und diese Ankündigung wurde von der Gemeinde der notorisch mit Fotografie befassten Zeitgenossen mit einer gewissen Bestürzung kommentiert. Das ganze Festival scheint zur Disposition zu stehen, und da es sich um das älteste und eines der größten seiner Art handelt, ist das nicht ganz bedeutungslos. Es gibt Gründe für die Rücktritts-Entscheidung, von denen einige bekannt sind und andere unbekannt sein mögen. Doch interessieren mich hier weder die einen noch die anderen, vielmehr scheint mir der Moment geeignet, einige Fragen über Festivals und Festivalitis zu stellen. 

In den vergangenen Jahrzehnten wurden, häufig an das Vorbild der Rencontres d'Arles angelehnt, eine ganze Reihe von Fotofestivals gegründet (und ein nennenwerter Teil davon verschwand auch wieder). Ich habe mit etwa zwei Dutzend von ihnen in mehreren Ländern zusammengearbeitet. Diese Festivals unterscheiden sich zwar in Details, doch basieren sie alle auf denselben Prämissen. Wir haben es anscheinend mit einem Erfolgsmodell zu tun, und dieses Modell scheint alternativlos zu sein. Da es in der Stadt A funktioniert, muss es in B ja auch funktionieren. (In der Stadt A übrigens dient es primär der Tourismusförderung.) 

An Fotografie Interessierte und häufig von ihr Besessene werden meist ohne sonderlich ausgeprägte Vorkenntnisse zu engagierten Festival-Veranstaltern, die das erprobte Schema anwenden, mit Hingabe Gutes tun und darüber reden. Mit Fotografie haben sie bald nur noch peripher zu tun, da sie als Goldgräber gefordert sind. Das ist halbwegs effektiv, da Fotografie so schön populär ist und Sponsoren an Masse interessiert sind. Für ein Festival mit vielen Besuchern lässt sich eher etwas Geld locker machen als für eine Veranstaltung im kleinen Kreis. Das hat Auswirkungen aufs Programm. 

Es gab allerdings noch kein Festival, das nicht über einen zu knappen Etat geklagt hätte, und keins, das nicht viel mehr zu realisieren versucht hätte, als der knappe Etat bei verantwortlichem Wirtschaften zulässt. Gejammer ist das ständige Begleitgeräusch der Festivalitis. Doch alle scheinen der Faszination der großen Zahl zu erliegen. Festivals konkurrieren nicht unbedingt um das beste Programm, um Originalität oder mit einem spezifischen Konzept, sondern mit Quantität. Viele Ausstellungen sind selbstverständlich besser als wenige, viele Besucher sind besser als wenige, ein dicker Katalog ist besser als ein dünner. 

So werden im Jahresturnus die gleichen beliebten Ausstellungen wie ein Wanderzirkus durch die Festivalorte gereicht, und so erscheinen im Jahresturnus kiloschwere Kataloge, die geeignet sind, Bürgermeister und Ministerialbürokraten zu beeindrucken. Kaum ist das Festival vorüber, behelligen uns die Veranstalter mit Erfolgsmeldungen: dutzende Ausstellungen und zehntausende Besucher. Wer seine Ausstellungen in der Fußgängerzone abhält und jeden zufälligen Passanten als Ausstellungsbesucher registriert, geht als Sieger aus dem Wettbewerb um die größte Zahl hervor. Besucherzahl funktioniert wie Einschaltquote; wer viel hat, bekommt beim nächsten Mal mehr. 

Kaum jemand redet davon, dass ein beachtlicher Teil der Ausstellungen durchaus entbehrlich ist, dass Ausstellungen um der schieren Menge willen an kaum geeigneten Orten veranstaltet werden und dass die erwähnten Kataloge meist recht dürftig sind; dass irgend jemand sie später noch einmal zur Hand nehmen wird, ist eher unwahrscheinlich. Sie haben ihre Funktion erfüllt, sobald sie dem Bürgermeister ein Lächeln übers Gesicht huschen lassen. Viele Besucher bringen viel Geld in die Stadt, und wenn's der Stadt gut geht, geht's auch dem Bürgermeister gut. 

Die ausstellenden Künstler werden zu einem opulenten Mahl geladen und ansonsten mit beleidigenden Honoraren abgespeist, sofern Honorare überhaupt in Erwägung gezogen werden. Die meisten Verantwortlichen scheinen die Ehre des Ausstellen-Dürfens für Lohn genug zu halten, und wenn dazu noch ein Billigflug und die Unterbringung in einer drittklassigen Absteige kommen, ist das fast schon Oberklasse. Dass Künstler durch ihre Ausbeutung gefördert werden, ist zwar keine Erfindung der Festivals, aber ihre gängige Praxis. 

Der um sich selbst und die gute Sache kreisende Betrieb kommt nie zum Stillstand. Wer möchte, kann von einem Festival zum nächsten reisend das Jahr zubringen und bei jedem Halt dieselben Mitreisenden treffen, bei denen es sich meist um Festivalveranstalter handelt, die am jeweiligen Ort eine Ausstellung ein- oder verkaufen möchten. So drängt sich der Eindruck auf, dass der Hauptzweck der konstanten Betriebsamkeit darin besteht, den Betrieb selbst am Laufen und seine Protagonisten am Leben zu halten. Einen ohne Bezahlung arbeitenden Festivaldirektor haben wir noch nicht getroffen. 

Die Branche floriert, trotz des permanenten Gejammers. Ganz so unzumutbar werden die geänderten Umstände in Arles nicht sein, dass sich nicht ein neuer Zirkusdirektor finden wird. Vielleicht geht's ja auch eine Nummer kleiner als ein "Centre mondial de la photographie", wie es dem noch amtierenden Direktor vorschwebt. Während der im Zwist mit der Stiftung liegt, die sein Festival bislang unterstützte, trompetet diese das nächste große Ding heraus: ein Fotofestival in London, mit Unterstützung des amtierenden Bürgermeisters. Die Ankündigung wartet mit keinerlei Angaben auf, worum genau es sich dabei handeln soll und was dort zu sehen und zu hören sein wird, doch erfahren wir immerhin schon mal eine Zahl: "Photo London’s Curatorial Committee will select up to 70 major international galleries". Warum nicht achtzig? Hundert? Bürgermeister verstehen Zahlen, und die Konkurrenz wird nachrüsten. 

Joachim Schmid
Dezember 2013


www.lemonde.fr/culture/article/2013/11/08/le-directeur-des-rencontres-d-arles-francois-hebel-veut-jeter-l-eponge_3510439_3246.html

www.plphotolondon.com/

19.12.2013

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Schlagworte: Fotofestivals, Fotofestival in Arles, Rencontres d`Arles, Photo London
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