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Texte zur zeitgenössischen Fotografie und digitalen Bildkunst
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  Der Kontext-Overkill: ein Foto ist ein Foto, ein Foto
von Hans Durrer

Dass man die Dinge im Zusammenhang sehen müsse, etwas nur dann Sinn mache, wenn man den Kontext verstehe – wir haben das schon so oft gehört, haben uns so daran gewöhnt, dass es uns schon fast zur zweiten Natur geworden ist. Behauptet einer (es kann, wie immer, auch eine sie sein), was er gesagt, sei aus dem Zusammenhang gerissen worden, bemühen wir uns ganz automatisch, darzutun, dass dem nicht so sei und wir den Zusammenhang tunlichst berücksichtigt hätten. Nur eben: Der Hinweis auf den Kontext ist eine Falle (nicht immer, nein, doch häufig genug), „Sie haben, was ich gesagt, aus dem Zusammenhang gerissen“ ein Totschlagargument, denn meist sind Zusammenhänge nicht viel mehr als recht beliebige Konstrukte und werden in der Regel von denen in Anspruch genommen, die glauben, Kontexte für verbindlich erklären zu können. Sicher, wir brauchen Kontext (doch welchen? und wer bestimmt ihn?), kommen ohne ihn nicht aus, doch gleichzeitig gilt auch, dass wir häufig mit weit weniger Kontext-Wissen auskommen als uns die nicht immer ganz selbstlosen Kontext-Produzenten weismachen wollen.

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Wir sehen nur, was wir wissen, können nur er-kennen, was wir kennen.
Vor einigen Jahren wurden in Peru Anstrengungen unternommen, der eingeborenen indianischen Bevölkerung Spanisch beizubringen. Dabei wurden Kinder gefragt, was sie unter „Ausbeutung“ verstanden und was sie damit verbinden würden. Eines der Kinder brachte ein Bild mit, das einen Nagel in einer Wand zeigte. Nur gerade dies: einen simplen Nagel in einer nackten Wand. Die Instruktoren dachten zuerst, das Kind habe die Idee des Experiments missverstanden, doch ihr Nachfragen ergab, dass diese Kinder in einer extrem armen Gegend mehrere Kilometer von Lima entfernt lebten und, um Geld zu verdienen, jeden Tag den langen Weg in die Stadt unter die Füsse nahmen, um dort dann Schuhe zu putzen. Damit sie nicht jeden Tag die Schuhkisten hin und zurück tragen mussten, mieteten sie, in einer Garage, einen Nagel in der Wand. Der Garageneigentümer verlangte dafür ihren halben Tageslohn.

Es ist die Geschichte zum Bild, die unseren Blick auf dieses Bild bestimmt. Obwohl unsere Augen immer noch den gleichen Nagel in der Wand wahrnehmen, „sehen“ wir jetzt ein anderes Bild. Natürlich „sehen“ wir nicht wirklich ein anderes Bild, doch der neuen Information wegen, sehen wir jetzt, wenn wir den Nagel betrachten, einen anderen Film in unserem Kopf ablaufen als dies ohne diese Geschichte möglich gewesen wäre.
Der mexikanische Fotograf Pedro Meyer, der diese Peru-Geschichte erzählt hat, meint, die Sprache der Bilder sei keine universelle: “Die in einem Bild benutzten Codes können ganz verschieden interpretiert werden, je nachdem was für einen kulturellen Hintergrund der Betrachter hat. Und da niemand das Zirkulieren eines Bildes kontrollieren kann, kann man niemals sicher sein, dass seine Inhalte jeweils auf die gleiche Art und Weise verstanden werden … ein Bild ist also nie ‚objektiv’.“
Kein Zweifel, Fotos werden in einem kulturellen Kontext verstanden. Und auch Geschlecht, Stimmungen, Vorlieben, Abneigungen etc. etc. spielen eine Rolle. Trotzdem: Der Nagel in der Wand bleibt ein Nagel in der Wand. Und wer nichts über die Geschichte dieses Nagels weiss – und das hat mit Kultur wenig zu tun, denn auch viele Peruaner werden nicht wissen, was es mit diesem Nagel auf sich hat – wird nichts anderes als einen Nagel in der Wand sehen.
Anders gesagt: ein Foto ist durchaus ‚objektiv’. Weil Fotos als Fotos nichts anderes sind, ja gar nichts anderes sein können, als das, was sie zeigen. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Und das Bild einer Rose ist das Bild einer Rose. „Ceci n’est pas un pipe“ (Das ist keine Pfeife) nannte bekanntlich René Magritte sein Bild einer Pfeife.
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Was ein Foto zeigt, ist das Eine, was wir in ihm sehen wollen, was wir in das Foto hineinlesen, etwas Anderes.
Vor einigen Jahren besuchte die deutsche Kanzlerin Merkel den britischen Premier Brown an seinem Amtssitz in London, wo die beiden über die Finanzkrise redeten. Da die wichtigen Dinge im Leben traditionell hinter geschlossenen Türen stattfinden, zeigte man uns die beiden vor der Tür von Downing Street Nummer 10 gen Himmel schauend und sich dabei Gesten bedienend (Frau Merkel deutet mit dem ausgestrecktem Zeigefinger ihrer linken Hand in eine unsichtbare Ferne, Brown, seinen rechten Arm angehoben, Handfläche geöffnet, Finger nach oben zeigend, tut als ob er gerade was zu Frau Merkel sagt, die ihm jedoch keine Aufmerksamkeit schenkt; im Hintergrund ist ein Mann zu sehen, der geradeaus guckt und dem Gebärdenspiel keine Beachtung schenkt), die vermutlich andeuten sollen, dass die zwei wissen, wo’s lang geht. Dies ist, was uns die Darsteller auf dem Foto (und ihre Berater – nicht auf dem Foto) suggerieren wollen. Und dies ist, was wir unbewusst in Erinnerung behalten werden, denn Bilder transportieren Gefühle und an diese erinnern wir uns.
Nur eben: Dieses Bild kann dies gar nicht zeigen; dieses Bild kann nur zeigen, dass Brown und Merkel heftig gestikulieren, weil Kameras zugegen sind. Wer mehr darin sieht, fällt auf die Kontext-Hersteller herein. Übrigens: der Mann im Hintergrund fällt auf die Show nicht herein; wir sollten es auch nicht tun.
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Wer den Kontext liefert, bestimmt, wie wir Bilder wahrnehmen. Häufig genügt jedoch sehr wenig Kontext, um ein Bild zu verstehen. So kann das Foto des kleinen nackten Mädchens Kim Phuc, das im Vietnamkrieg vor einem Napalm-Abwurf flieht, ohne weiteres 'verstanden' werden (Verstehen ist ein Gefühl), ohne dass man weiss, wer das Foto wo und bei welcher Gelegenheit gemacht hat. Auch muss man nicht wissen, wen das Bild zeigt, um Mitleid oder den Impuls, helfen zu wollen, zu spüren.
Im April 2009 wurde in Paris eine Ausstellung mit dem Titel „Les Parisiens sous l'occupation“ (Die Pariser während der Besatzung) gezeigt. 270 Farbfotos von André Zucca, welche das Leben in der französischen Hauptstadt während der Besatzung der Nazis während des Zweiten Weltkriegs dokumentieren, wurden ausgestellt. Die Ausstellung löste heftige Kontroversen aus, weil die Fotos gezeigt wurden, ohne sie angeblich in den historischen Kontext zu stellen. In der Folge wurden den Besuchern Informationen ausgehändigt, die sie darauf hinwiesen, dass André Zucca ein unbeschwertes, heiteres Paris porträtiert und sich entschieden habe, ein Bild von Paris zu zeigen, dass nicht beziehungsweise kaum die Realität der Besatzung und deren tragische Seiten zeige, also Warteschlangen vor Lebensmittelläden; das Zusammentreiben von Juden; Poster, die Exekutionen bekannt machen.
Man greift sich an den Kopf ob diesem Kontext-Overkill. Wer eine Fotoausstellung besucht, welche die deutsche Besetzung von 1940 bis 1944 zum Thema hat, dem braucht nicht erklärt zu werden, was er sich anschauen geht – er (oder sie) weiss das. Auch braucht ihm nicht gesagt zu werden, dass er ein „unbeschwertes, heiteres Paris“ vor Augen habe – seine Augen registrieren das, auch wenn es ihm nicht gesagt wird. Der Besucher ist auch durchaus imstande, ohne Anleitung sich Gedanken darüber zu machen, was der Fotograf nicht fotografiert hat (weshalb würde er sonst in eine solche Ausstellung gehen?). Und nicht zuletzt ist jedem auch ohne Aufklärung klar, dass diese Bilder unter die Rubrik Propaganda fallen.
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Am 7. Dezember 2008 veröffentlichte Spiegel Online ein Foto, das vier Männerköpfe, in einer Reihe, einer neben dem andern, zeigt. Es sind ernste Gesichter. Die Bildlegende sagt: „GM-Chef Wagoner, Chrysler-Chef Nardelli, Ford-Chef Mullay und Gewerkschaftsboss Gettelfinger (von links) bei der Anhörung im Kapitol: "Probleme strukturell bedingt".“
Worum geht es bei diesem Artikel? Die amerikanische Autoindustrie steckt in Nöten. Sie will Geld von der Regierung, doch der diesjährige Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman glaubt nicht an eine Rettung. Die Probleme der betroffenen Konzerne seien strukturell bedingt und mit Geld nicht lösbar. Barack Obama jedoch will den Autoherstellern beistehen

Was zeigt das Foto? Autobosse, die sich als aufmerksame Zuhörer inszenieren: interessiert, nachdenklich, besorgt. Sie tun das für die Fotografen. Gut möglich, dass sie nicht einfach nur schauspielern und ihnen der Ernst der Situation bewusst ist, doch zeigen kann dies ein Foto nicht. Sind sie so ernst, weil sie für die Anreise im Privatflugzeug heftig gescholten wurden? Sind sie es, weil die Ausführungen der Senatoren sie derart beeindrucken? Wir wissen es nicht, können nur spekulieren. Was wir hingegen wissen ist dies: was der Kontext suggeriert (Betroffenheit, Besorgtheit etc.), kann das Bild nicht zeigen, das kann dem Bild nur zugeschrieben werden.

Wer Fotos verstehen will, muss hingucken. Genau hingucken. Und sich nicht auf die Kontext-Vermittler verlassen, sondern darauf, was das Foto abbildet: vier ernst dreinblickende Männer im Angesicht der Kamera.

06.01.2013

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