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  Pressefotografie: Kamera- und Fototechnik im journalistischen Gebrauch Teil III: 1933–1939
von Bernd Weise

Die 1930er Jahre brachten für die Ausrüstung der Pressefotografen einen deutlichen Zuwachs an Geschwindigkeit in der Aufnahmebereitschaft durch die schnellere Bedienbarkeit der Kameras und empfindlichere Aufnahmematerialien. Obwohl die Vorteile, wie gekuppelte Entfernungsmesser, Verbindung von Verschlußaufzug und Filmtransport, aufsteckbare Belichtungsmesser und wechselbare sowie lichtstarke Objektive, bei den kleinformatigen Geräten lagen, blieb die Frage des richtigen Aufnahmeformats für die Pressefotografie umstritten – bis das Reichs-Propagandaministerium 1937 die Verwendung kleiner Kameras mit der Berechtigung zur Berufsausübung verknüpfte und in der Organisation der Bildberichterstatter auf einen zunehmenden Gebrauch von Kameras wie Makina, Rolleiflex, Leica und Contax hinwirkte. Nachdem auch drucktechnische und redaktionelle Vorbehalte durch erneut verbesserte Kleinbildfilmverarbeitung weitgehend ausgeräumt werden konnten, brachte die Farbfotografie mit den ersten modernen Farbdiafilmen – die es zunächst nur im Kleinbildformat gab – einen zusätzlichen Grund, zunehmend Kleinbildkameras für die Fotoreportage zu benutzen.


Fototechnische Vorgaben der NS-„Pressebildnerei“ [1]

Zur im November 1933 stattfindenden Ausstellung „Die Kamera“, mit der die Fotografie von den Nazis für deren Propaganda vereinnahmt wurde, wiesen die zu Wort kommenden Fachleute bereits darauf hin, welches die Kamera des Bildreporters zukünftig sei: Er werde sich der modernen Kleinkamera zuwenden. Während früher das bevorzugte Format zwischen 13 x 18 und 9 x 12 cm schwankte, sei die Kamera, die der Bildreporter heute brauche, eine 6,5 x 9- cm-Kamera mit lichtstärkster, auswechselbarer Optik und gekuppeltem Entfernungsmesser, mit Kassetten für Platten und Planfilme sowie einer Rollfilmkassette [2]. Unter der Frage „Platte oder Rollfilm?“ [3] wurden jetzt die Vorzüge der Rollfilm-Kamera als Berufskamera des Bildreporters propagiert, bei der keine Kassetten eingeschoben und Plattenschieber herausgezogen werden müßten. Mit dem Rollfilm, der gegenüber der Platte zudem leichter und bruchfest sei, könnten ohne umzuwechseln schnell zwölf aufeinanderfolgende Aufnahmen gemacht werden.

„Kleinkamera oder nicht?“ [4] wurde zu einer wichtigen Frage, die von Pressefotografen, Druckern und Redakteuren diskutiert wurde, wobei unter Kleinkamera nicht nur die Kleinbild-Kamera, sondern die Apparate im Format von 24 x 36 mm bis 6,5 x 9 cm verstanden wurden.

In diesen Aufnahmeformaten waren zu Anfang der 1930er Jahre einige neue, verbesserte Kameras bzw. Erweiterungen erschienen: Im Mittelformat war die Sucherkamera Makina II (1933) jetzt für Rollfilm 6 x 9 cm und mit einem mit den Scherenspreizen gekuppelten Entfernungsmesser sowie mit den Wechselobjektiven Antikomar 2,9/100 mm, dem Weitwinkel Orthar 6,8/73 mm und dem Tele-Makinar 6,3/210 mm ausgestattet. Voigtländer brachte 1933 mit der „Superb“ nach dem Vorbild der Rolleiflex eine 6 x 6 cm zweiäugige Spiegelreflex heraus, mit Zentralverschluß 1-1/250 Sek. und fest eingebautem Objektiv Skopar 3,5/75 mm, die jedoch über einen Parallaxenausgleich verfügte, indem der gesamte Sucher beim Scharfstellen geneigt wurde. Damit konnte der unterschiedliche Bildausschnitt, der bei den zweiäugigen Spiegelreflexkameras durch die übereinander liegenden Sucher- und Aufnahmeobjektive entstand, aufgehoben werden. Ebenfalls für Rollfilm stellte Ihagee 1933 die einäugige Spiegelreflex Exakta im Format 4 x 6,5 cm mit Lichtschachtsucher und Einstellupe, einem Schlitzverschluß mit verdecktem Aufzug und Belichtungszeiten von 12 bis 1/1000 Sek. (Modell B) sowie einer Doppelbelichtungssperre und einem Selbstauslöser vor. 1935 erhielt sie einen Schnellschalthebel (anstelle des Aufziehknopfes) für den gleichzeitigen Verschlußaufzug und Filmtransport und bekam einen Vacublitz-Auslöser. Die Normalobjektive, z.B. Xenar 2,9/75 mm oder Tessar 2,8/75 mm, wurden bis 1936 durch eine umfassende Reihe von Wechselobjektiven der Firmen Meyer, Schneider und Zeiss, u.a. dem Makro-Plasmat 2,7/75 mm, dem Weitwinkel-Doppelanastigmat 6,8/56 mm, den Tele-Xenaren 4,5/130, 5,5/150, 5,5/180 mm sowie den Tessaren 5,5/150, 5,5/180, 4,5/250 mm und dem besonders hervorzuhebenden Weitwinkel Tessar 8/55 mm, ergänzt. 1934 kam diese Kamera unter Verwendung der besonders lichtstarken Schneider Xenon 2,0/80 mm oder Zeiss Biotar 2,0/80 mm bzw. ab 1936 des Meyer Primoplan 1,9/80 mm als sog. „Nacht-Exakta“ auf den Markt.

Da die Exakta ein trapezförmiges Gehäuse besaß und den schmaleren (40-mm-)Rollfilm verwendete, war die Kamera äußerst kompakt und handlich und mit der Objektivpalette das flexibelste System für das mittlere Format. Im 6 x 6-Format erschien 1935 die Reflex-Korelle (F. Kochmann, Dresden), ebenfalls eine einäugige Spiegelreflexkamera mit Lichtschachtsucher, dessen Deckel auch als Rahmensucher fungierte, Schlitzverschluß 1/10–1/1000 Sek. sowie wechselbaren Objektiven, u.a. Meyer Primotar 3,5/80 mm (ab 1937 Schneider Xenar 2,8/75 mm), Primoplan 1,9/100 und 3,5/135 mm (1936) sowie 3,5/180 mm (1937). Erst das Modell III (von 1939) verfügte über einen durch Hebelumdrehung schnelleren Filmtransport, einen Selbstauslöser, eine Vacublitzeinrichtung sowie eine neue Bajonettfassung und einen Verschluß mit Langzeiten ab zwei Sekunden.

Im Kleinbildbereich kam 1934 die Robot I mit dem besonderen Format 24 x 24 mm hinzu. Sie war mit einem Federwerkaufzug versehen, der den Verschluß und den Filmtransport betätigte, so daß Reihenaufnahmen in einem Ablauf von 24 Fotos hintereinander möglich waren, mit einer Geschwindigkeit von vier Aufnahmen pro Sekunde. Der filmkameraähnliche Sektorenblendenverschluß schaffte bis zu 1/500 Sek. An die im gleichen Jahr erschienene Robot II konnten neben dem Meyer Primotar 3,5/30 mm als zusätzliche Objektive das Zeiss Biotar 2/40 mm und Sonnar 4/75 mm angesetzt werden. Die Contax erhielt 1933 die über einen sog. Mattscheibenadapter – ein Spiegelreflexansatz – anschließbaren Fernobjektive Tele-Tessar 8/300 und 8/500 mm (1934) sowie ein weitwinkliges Biotar 2/40 mm (1934). Die Leica bekam 1933 mit dem Modell III zusätzliche Langverschlußzeiten 1–1/20 Sek. und ein lichtstarkes Normalobjektiv Summar 2,0/50 mm sowie einen Spiegelreflex-Mattscheibenansatz (Visoflex I) für die Teleobjektive Telyt 4,5/200 mm und (1934) 5/400 mm. 1934 erschien die Leica 250, die sog. „Reporter III“, die mit einem speziellen Gehäuse für Film-Meterware mit 250 Aufnahmen ausgestattet war. 1935 wurde das Modell IIIa mit einer zusätzlichen Verschlußzeit von 1/1000 Sek. ausgestattet, und es erschienen ein kurzes, lichtstarkes Teleobjektiv Thambar 2,2/90 mm sowie das Weitwinkelobjektiv Hektor 6,3/28 mm.

Damit stand den Benutzern der beiden Konkurrenz-Kleinbildsystemkameras um 1935 die umfangreichste Objektivpalette zur Verfügung (Leica: 13 Objektive mit neun Brennweiten von 28 bis 400 mm; Contax: 12 Objektive mit ebenfalls neun Brennweiten von 28 bis 500 mm), was eine äußerst variable Annäherung an das Motiv bzw. dessen Gestaltung mit Aufnahmewinkeln zwischen ca. 74° und 5° zuließ.


Schnellere Kamerabedienung

Mit Nachdruck wurden die Pressefotografen in der Fachpresse auf „die moderne Schnappschußkamera“ verwiesen und darauf aufmerksam gemacht, daß die Entwicklung der fotografischen Aufnahmegeräte unter dem Zeichen der „Kleinbild-Automatisierung“ stehe, was eine Abkehr von den schwerfälligen, großformatigen Klapp- und Kastenkameras und eine Hinwendung zum blitzschnellen Erfassen mit kleinen, wendigen, hochleistungsfähigen Präzisionsapparaten bedeute [5].

Wesentliche Voraussetzungen dazu hatten bereits vorhandene höherempfindliche Aufnahmematerialien von 18 DIN bzw. 28 Scheiner [6] sowie lichtstarke Objektive von 1:1,5 geschaffen – gemeint war das Zeiss Sonnar für die Contax –, deren große Öffnung aus der Relation zu der für das kleinere Aufnahmeformat verkürzten Brennweite erreicht wurde und gleichzeitig, gegenüber den großen Formaten, eine Ausdehnung der Schärfentiefe bewirkte. Presseaufnahmen konnten damit unter nahezu allen Lichtverhältnissen entstehen. Selbst Bühnenaufnahmen waren (um 1933) mit Belichtungszeiten von 1/10 bis 1/5 Sek. aus freier Hand herstellbar [7]. Um ein schnelleres Arbeiten zu ermöglichen, waren diverse Kameras inzwischen auch mit besseren Bedienungsfunktionen ausgestattet, wie: übersichtliche Anordnung von Skalen und Zähleinrichtung für Filmtransport (Rolleiflex), Kuppelung des Filmtransports mit Verschlußaufzug (Leica, Contax, Peggy, Exakta, Robot), Sicherung gegen Doppelbelichtung, Selbstauslöser, eingebaute Vorrichtungen zum Abschneiden belichteter Filmteilstücke und aufsteckbare Belichtungsmesser. Auch die Motivsucher und die Entfernungseinstellung hatten Verbesserungen erfahren.

Da bei den mittelformatigen einäugigen Spiegelreflexkameras, wie Exakta (4,5 x 6 cm) und Mentor-Compur-Reflex (einäugige Spiegelreflex für 6,5 x 9-cm-Platten mit Zentralverschluß und Festobjektiv Tessar 3,5/105 mm) die Schwächen der Klappspiegelvorrichtung noch nicht vollständig beseitigt waren, wurden die sogenannten „Doppelkameras“ (getrennte Aufnahme- und Sucherobjektive) mit festem Spiegel, wie die Rolleiflex, Superb und Pilot, bevorzugt. Bei ihnen blieb die Kontrollmöglichkeit des Bildmotivs und der Bildschärfe auch während der Aufnahme bestehen. Verbreitet hatte sich ebenso die Einstellungshilfe des Entfernungsmessers, die nach dem Vorbild der militärischen Schnittbild-Entfernungsmesser gebaut waren, teilweise als aufsteckbares Zusatzgerät (wie zunächst bei der Leica I), wo das Meßergebnis auf die Objektiveinstellung übertragen werden mußte oder in die Kamera integriert und mit der Entfernungseinstellung gekuppelt, wie bei Leica II, Contax I, Makina II und Peggy II. Meßsucher und Bildsucher waren jedoch noch getrennt, lediglich die Peggy hatte die Sucheröffnung in Augenabstandsweite angebracht, so daß die Einstellung gleichzeitig vorgenommen werden konnte [8].

Die Sucher der Kameras ließen allgemein jedoch nur ein ungefähres Anpeilen des Motivs zu, sowohl bei den früheren Rahmensuchern als auch bei denen, die jetzt in die Kamera eingebaut waren, wie z.B. bei der Leica oder Contax. Die Gestaltung des Bildes war aufgrund unzulänglicher Darstellung und ungenauer Begrenzung nur beschränkt möglich. Für unterschiedliche Brennweiten mußten ohnehin jeweils darauf abgestimmte Zusatzsucher verwendet werden. Hier zeigten die Reflexkameras ihre Vorzüge: Das Mattscheibenbild stimmte mit Bildausschnitt und das sichtbare Bild auch mit der verwendeten Brennweite überein, zudem ließ das Mattscheibenbild den Schärfentiefenbereich erkennen. Dies und die Tatsache, daß die Fotografen von den Plattenkameras gewohnt waren mit der Mattscheibe zu arbeiten, machten die nunmehr sehr handliche Spiegelreflex zu einem bevorzugten Gerät, zumal jetzt sogar der Vorteil bestand, daß das Bild zwar seitenverkehrt aber aufrechtstehend war. Ein Prisma, welches das Motiv seitenrichtig und in Blickrichtung betrachten ließ, gab es vorläufig nicht.


Bevorzugte Kameras der Presse

Nach einer Umfrage unter „Selbständigen Bildberichterstattern“ und „Presseillustrationsfirmen“ von 1934 wurden von den Fotoreportern vorwiegend verwendet: die Contax I, Peggy, Leica, Rolleiflex 4 x 4 , Exakta 4 x 6,5 , Rolleiflex 6 x 6 und Voigtländer Superb 6 x 6 sowie die Makina 6,5 x 9. Daneben wurden noch die Super-Nettel, Pilot und Perfekta genannt. Die Super-Nettel brachte Zeiss Ikon 1934 als Kleinbild-Klappkamera mit Metallschlitzverschluß 1/5-1/1000 Sek., Entfernungsmesser und fest eingebautem Objektiv, u.a. Tessar 2,8/50 mm, heraus, die mit dem Namen „Nettel“ an die klassischen Reporterkameras anschließen und den konstruktiven Elementen der Contax eine moderne Kleinbildvariante für Fotoreporter darstellen sollte. Die Pilot (Kamera-Werkstätten, Dresden) war eine seit 1931 auf dem Markt befindliche zweiäugige Spiegelreflex im 3 x 4 cm-Rollfilmformat und die Perfekta (Welta, Freital) eine zusammenklappbare zweiäugige Spiegelreflex im Format 6 x 6, die 1934 herauskam.

Bei den Bildagenturen kamen fast ausschließlich 13 x 18- bzw. 9 x 12-Platten-Kameras in Anwendung. Kleinbildkameras wurden nur als Zusatzgeräte für Sportaufnahmen, Reisereportagen und Aufnahmen bei ungünstiger Beleuchtung verwendet und nicht als universelles Gerät in der Pressefotografie angesehen.

Freiberufliche Bildjournalisten waren in der Kameraanwendung geteilter Meinung. Während etwa der in Wien arbeitende Fotograf Lothar Rübelt bereits 95 % seiner Aufnahmen mit der Kleinbildkamera herstellte, schworen andere Reporter auf die altbewährte „große Kiste“. Unter den Fotografen, die nicht zu den tagesaktuellen Reportern gezählt wurden, sondern der Presse eher illustra-tives Bildmaterial lieferten, war dagegen die Kleinkamera deutlich verbreitet. Als mit der Leica arbeitend wurden u.a. Paul Wolff, Wolfgang Weber und Walter Hege, mit der Contax J. Senckpiel und mit der Rolleiflex Erich Retzlaff, H. von Perkhammer und Hedda Walther genannt [9].

Die wesentlichsten Gründe gegen das Kleinbildformat, die von den Bildagenturen angeführt wurden, waren das auftretende Korn, die nicht mit genügend Schärfe herauszuarbeitenden klein aufgefaßten Objekte und die erheblich länger dauernde Fertigstellung der Abzüge von Kleinbildnegativen, die den aktuellen Betrieb beschränkten [10]. Die Priorität für die Plattenkamera ergab sich vor allem aus der unterschiedlichen Produktionszeit der Zeitungen, die teilweise in mehreren Ausgaben täglich erschienen und die schnellstmögliche Fertigstellung der Fotos erforderten. Die für die in wöchentlichen Abständen erscheinenden Illustrierten arbeitenden Bildjournalisten hatten wesentlich mehr Zeit, um die Vergrößerungen herstellen zu können. Die reisenden Fotoreporter konnten diesen Zeitvorteil mit dem Vorteil der leichtgewichtigen und kompakten kleinformatigen Kameras verbinden bzw. nutzen.


Schlüssel zum Kleinformat: verbessertes Filmmaterial

Die Körnigkeit des Filmmaterials, die – im Gegensatz zu den großen Aufnahmeformaten – bei den erforderlichen Vergrößerungen des Kleinbildformats auftauchte, wurde einerseits durch die spezifische Feinkornentwicklung oder durch spezielle Filme, wie den Agfa Superpan-Feinkornfilm (16 DIN/26 Scheiner) verhindert, obwohl dieser geringempfindlicher war als der normale Agfa Superpan-Film mit 20 DIN/30 Scheiner [11]. Die Ermittlung und Angabe der Empfindlichkeit von Aufnahmeschichten wurde 1934 mit der Einführung des DIN-Verfahrens geändert. Die Empfindlichkeit der zu dieser Zeit modernen – und noch in Scheiner-Graden (die von 1 bis 20 zählten) [12] angegebenen – Emulsionen lagen etwa zwischen 10 und 16 DIN [13]. Der erste Film, der die neue Bezeichnung führte, war der Agfa Isochrom-Film mit 18 DIN. Für die nicht vergleichbaren Verfahren Scheiner/DIN zur Empfindlichkeitsermittlung wurde für die Praxis und die Verwendung der vorhandenen Belichtungstabellen die Faustformel ausgegeben, zu der DIN-Angabe die Zahl 10 zu addieren, um den annähernden Scheiner-Grad zu erhalten [14]. „Daraus folgt[e] aber nicht, daß Scheinergrade nun auch in DIN-Grade umgerechnet werden dürf[t]en.“ [15]

Die richtige Umwandlung der Spektralfarben in augengerechte Grauwerte (Chromasie) auf Schwarz/Weiß-Filmen hatte Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre zu deutlichen Verbesserungen bei den panchromatischen Schichten geführt, die sich immer mehr durchsetzten und gerade auch der Pressefotografie unter schwierigen Lichtverhältnissen, Nacht- und Kunstlichtbedingungen zugute kamen [16]. Die Farbensensibilisierung war bei den „Superpan-Filmen“ zwar für den roten und gelb-orangen Bereich erweitert worden, was durch eine Überempfindlichkeit in diesem Bereich zu kurzen Belichtungszeiten bei dem gelblich-rötlichen Kunstlicht führte. Aber es gab weiterhin eine sogenannte „Grünlücke“, die erst mit den neuen gelb-grün-sensibilisierten Filmtypen, wie Agfa Isopan (16 und 19 DIN) oder dem Kodak Panatomic (16 DIN), der 1933 als panchromatischer Feinkorn-Film auf den Markt kam [17], geschlossen wurde. Zur besonders ausgeglichenen Tonwertwiedergabe war nur noch bei blauanteiligem Tageslicht ein helles Gelbfilter nötig. Für schnelle Momentaufnahmen bei Kunstlicht wurden die hoch rotempfindlichen Panschichten, z.B. bei dem Agfa Isopan ISS oder dem Kodak SS, der (mit jeweils ca. 20 DIN) als führender Film für schnellste Nachtaufnahmen galt [18], beibehalten. Dies galt jedoch nur für elektrische Lichtquellen. Den Vacublitz, dessen Lichtstrahlen im gelb-grünen Bereich lagen, nutzten dagegen am besten die Orthoschichten aus. Bei den Pressefotografen war hingegen das Panmaterial, weil es zu weich arbeitete, nicht sehr beliebt, da sie auf die drucktechnischen Anforderungen einer kontrastreichen Durchzeichnung Rücksicht nehmen mußten [19]. Vor allem wenn die Bilder im grobrastrigen Zeitungsdruck wiedergegeben werden sollten, genügten deshalb die orthochromatischen Schichten vollkommen. Außerdem war das Panmaterial zunächst auch noch teurer. Auf der anderen Seite waren selbst die höchstempfindlichen Panschichten so gut, daß sie eine bis zu 5fache lineare Vergrößerung ohne störende Körnigkeit zuließen [20].

Weil die bei den Rollfilmkameras üblichen und mit einer roten Sichtscheibe versehenen Filmnummerfenster nicht „pansicher“ [21] waren, erhielt die Reflex-Korelle 1937 als erste Kamera stattdessen einen Filmtransportanschlag mit Zählwerk [22], der das blinde Weiterdrehen des Films ermöglichte.

Mit der deutlich gesteigerten Empfindlichkeit der Filme konnten in Verbindung mit den lichtstarken Objektiven um die Mitte der 1930er Jahre nicht nur Innenaufnahmen ohne Zusatzbeleuchtung, sondern auch Nachtsituationen besser erschlossen werden, die zunehmend zum Thema wurden [23]. Sofern eine Extrabeleuchtung dennoch notwendig war, hatte sich für die Pressefotografen als beste Technik der Vacublitz durchgesetzt. Bis 1935 waren drei in der Lichtstärke unterschiedliche Modelle erschienen. Auf eine Gegenstandsentfernung von vier Metern erreichte das Modell II die Arbeitsblende 22. Als Nachteil des Blitzes wurde jedoch gesehen, daß man „nur einseitig beleuchten, d.h. nur aus der Aufnahmerichtung her und so auf die bildhafte Gestaltung nicht immer die wünschenswerte Rücksicht nehmen“ [24] könne, was auch in den Zeitungsbildern zu erkennen sei.


Unzufriedenheit mit den Kameramodellen

1935 beschwerten sich die Pressefotografen, daß die Kameraindustrie trotz der ständig wachsenden Bedeutung des Bildes im Zeitungswesen kein den gesteigerten Anforderungen entsprechendes Spezialgerät entwickelt habe; vielmehr müßten sie sich ihr Arbeitsgerät aus dem Material der Amateur- und Atelierfotografie beschaffen und anpassen. Deshalb stellten sie einige Forderungen an die Kamerahersteller. Bezüglich der Scharfeinstellung seien die Entfernungsmesser zwar zu begrüßen, allerdings wäre das zweifache Anvisieren, einmal durch den Entfernungsmesser und noch einmal durch den Sucher zur Einstellung des Bildausschnitts, ein erheblicher Zeitverlust. Hier sollten beide Instrumente zusammengelegt werden. Ein ungelöster Punkt sei auch der schnelle Objektivwechsel. Den Kollegen von der Filmwochenschau stünden an ihren Kameras bereits Revolverobjektive zur Verfügung, die durch einen kurzen Schwenk ausgewechselt werden könnten. Zum Vacublitz, der für die Pressefotografie bei Innenaufnahmen eine große Rolle spielte, wurde das Fehlen einer automatischen Kupplung mit dem Auslöser bemängelt. Zwar hatte die Zubehörindustrie Kupplungsvorrichtungen auf den Markt gebracht, und einige Reporter hatten sich elektrische Auslöseeinrichtungen in ihren Verschluß einbauen lassen, aber die Kameraindustrie habe bisher keine Kontaktvorrichtung in eine Kamera eingebaut; diese besaß die Exakta seit 1935, die Primarflex erhielt sie 1937 eingebaut [25].

Insgesamt sahen die Pressefotografen ihre Wünsche von der Fotoindustrie lediglich bei der Lichtempfindlichkeit des Aufnahmematerials, deren Grenze bis dahin bei 20 DIN lag, als nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen [26].


Unendliche Format-Frage

Im Vordergrund stand aber immer wieder die Frage, welches Aufnahmeformat das richtige für den Pressefotografen sei. Noch 1935 war „das Handwerkszeug des Pressefotografen fast ausschließlich die Plattenkamera im Großformat 13 x 18 oder eine Spezial-6 x 9-Kamera“ [27]. In der Pressefotografie bestand „ein unverändertes Vorurteil gegen das kleine Arbeitsformat“, obwohl der „technische Stand der Großformataufnahme seit 10 Jahren unverändert geblieben“ [28] und der Fortschritt, wie eingebaute Belichtungsmesser, auswechselbare Objektive mit verschiedenen Brennweiten, Objektive von höchster Lichtstärke und Vorrichtungen zum gleichzeitigen Auslösen von Vacublitz und Verschluß, nur bei den modernen Kleinformatapparaten zu finden war. Fachautoren erschien es daher verwunderlich, daß bei einem aktuellen Ereignis die Pressefotografen zumeist in Begleitung ihrer schwerfälligen, altmodischen Kameraungetüme anzutreffen seien und nur vereinzelt ein Kleinbildmann auftauche. Die Gründe für die konservative Arbeitsmethode lagen in wirtschaftlichen und technischen Argumenten. Die Neuanschaffung des gesamten Apparateinventars erschien zu kostspielig, obwohl durch die Modernisierung die laufenden Kosten beim Aufnahmematerial – eine 13 x 18-Platte kostete damals mindestens 30 Pfennig, eine Aufnahme auf Kleinbildfilm bei Meterware dagegen nur ca. 3 Pfennig –, wesentlich verringert werden konnten. Als technisches Argument wurde die bessere Bildschärfe der 13 x 18-Aufnahme angeführt, obwohl diese für die gerasterten Zeitungsbilder nicht erforderlich war. Als Gegenargument wurde angeführt, daß ein als Reproduktionsvorlage ausreichender 13 x 18-Abzug vom Kleinbild von dem einer Großbildaufnahme überhaupt nicht mehr zu unterscheiden sei. Die Befürworter des Großformats bestanden dagegen auf den Vorteil der Herstellung und Entwicklung von Einzelaufnahmen sowie der Möglichkeit, einen wichtigen Ausschnitt herausvergrößern zu können, was mangels wechselbarer Objektive gegebenenfalls auch notwendig war. Dem wurden die Vorteile der Kleinbildfotografie entgegengehalten: schnell hintereinander verschiedene Aufnahmen machen zu können, immer Ersatzaufnahmen in Reserve zu haben sowie durch Verwendung verschiedener Objektive bildwichtige Teile schon bei der Aufnahme herausholen zu können und eine größere Freiheit in der Wahl des Aufnahmestandpunktes zu haben. Gerade die vielseitigen Möglichkeiten des Objektivwechsels seien eine Stärke der Kleinkamerakonstruktion, insbesondere für die vielseitigen und schwierigen Aufgaben der Pressefotografie. Mit den kurzbrennweitigen Schnappschußobjektiven, den weitwinkligen Objektiven für Innenräume und langen Brennweiten für Porträts ersetze die Kleinkamera drei verschiedene Typen. Appellierend hieß es: „... das sind die bestechenden Vorzüge der Kleinkamera, die auch in der Pressefotografie mehr als bisher Beachtung finden sollten ...“ [29].

1935, als die Zusammenfassung der Pressefotografen in die Liste des Reichsausschusses der Bildberichterstatter weitgehend abgeschlossen und damit deren Berufsausübung unter der Kontrolle des Propagandaministeriums vollzogen war [30], erschien zur politischen Unterstützung der Forderung an die Pressefotografen, auf das Kleinbildformat umzusteigen, im „Technisch-Pädagogischen-Verlag, Wetzlar“ die Propagandaschrift „Mit der Leica als Berufsphotograph und Bildberichterstatter“, in der der Autor Alfred Klein neben einigen technischen Darstellungen auf die NS-Bewegung anspielend abschließend formulierte, daß die Leica-Fotografie nicht eine bestimmte Fotografierrichtung, sondern „Die Bewegung in der neuzeitlichen Photographie“ [31] sei.

Zur Photo-Kino-Messe 1936 in Leipzig wurde für die Pressefotografie die unverkennbare Tendenz konstatiert, daß sich zwei Formate in den Vordergrund geschoben haben, das Leica-Format und das 6 x 6-Format. Das 6 x 9-Format werde in der Kleinbildfotografie derzeit als Standardformat angesehen. Als eine der beliebtesten Reporterkameras in diesem Bereich hatte sich die Makina entwickelt, die jetzt in der neuesten Version IIS eine Objektiv-Schnellwechselfassung, ein lichtstarkes Tele-Makinar 4,8/190 mm und einen Kassettenansatz für Platten 6,5 x 9 erhielt. Als für die Pressefotografie ebenfalls geeignete Kameras wurden die Zeiss Ikon Super Ikonta 6 x 6 mit eingebautem Belichtungsmesser, die Primarflex (eine einäugige 6 x 6-Spiegelreflexkamera) und die zweiäugige 6 x 6-Rolleicord I a (vereinfachte Ausführung der Rolleiflex) herausgestellt. Bei den Kleinbildkameras gab es für die Leica einen sog. Schnellaufzug, eine Hebelvorrichtung für den schnellen Filmtransport und Verschlußaufzug, was eine sekundenschnelle Bildfolge möglich machte. Die neue Contax II besaß jetzt einen „Entfernungssucher“, d.h. einen in den Bildsucher integrierten Entfernungsmesser, der ein wesentlich schnelleres Einstellen zuließ; ihr neuer Schlitzverschluß schaffte jetzt eine 1/1250 Sekunde. Außerdem wurde mit der Kine-Exakta die erste einäugige Spiegelreflex-Kamera für das Kleinbild vorgestellt [32]. Den Anhängern der großformatigen Platte präsentierte Zeiss Ikon seine neue Nettel-9 x 12-Spreizen-Falt-Kamera mit Rahmensucher und Schlitzverschluß bis 1/2000 Sek. sowie einem besonders lichtstarken Normalobjektiv (Bio-Tessar 2,8/165 mm).

Für die Blitzlichtfotografie brachte die Firma Geka-Werke einen sog. „Elektro-Blitz“ heraus, ein in einer Cellophankapsel eingeschlossenes Blitzlichtpulver, das in einem stabtaschenlampenähnlichen Halter mit Pappreflektor über eine Batterie elektrisch gezündet wurde. Diese in zwei verschiedenen Größen und entsprechend unterschiedlicher Leuchtkraft (Blende 9 bei 8 bzw. 15 Meter) erhältlichen Kapseln verbrannten im Gegensatz zum Blitzlichtpulver rauchlos und konnten bei Aufnahmen, die von Pressefotografen bei Wind und Wetter im Freien gemacht werden mußten, auch nicht verweht werden. Dieses Blitzlicht wurde wegen seiner nahezu schattenlosen Ausleuchtung im Verhältnis zum Vacublitz sehr beliebt. Für den Vacublitz brachte die Firma Leitz speziell für die Zwecke der Pressefotografie einen „Vacublitz-Schnellrevolver“ heraus, dessen Halter drei Fassungen für drei Blitzbirnen besaß, die kurz hintereinander gezündet und schnell ausgewechselt werden konnten [33].

Die 1936 neu vorgestellte Primarflex (Bentzin, Görlitz) gehörte zu den von den Pressefotografen wegen der großen Auswahl an (17) Wechselobjektiven von Zeiss und Meyer (u.a. Tessar 3,5/100 mm, Biotessar 2,8/165 und 210 mm, Tele-Tessar 6,3/320 mm sowie Trioplan 2,8/100, Primotar 3,5/135 und 180 mm, Tele-Megor 5,5/250 und dem 1940 erschienenen 5,5/400 mm) vielfach bevorzugten einäugigen 6 x 6-Spiegelreflexkameras [34]. Für den Bereich der Rollfilm-Sucherkameras brachte Zeiss Ikon die Super Ikonta 6 x 6, eine Klappkamera mit fest eingebautem Objektiv Tessar 2,8/80 mm, Compur-Zentralverschluß 1-1/400 Sek., Selbstauslöser und Drehkeil-Entfernungsmesser, wobei die Sucher- und Entfernungsmesseröffnung vereint waren.

Mit der Kine-Exakta übertrug die Firma Ihagee ihr erfolgreiches Prinzip der 4,5 x 6-cm-Spiegelreflex auf das (35-mm-Kinofilm-) Kleinbildformat. Sie war mit einem Lichtschachtsucher ausgestattet, der auch als Rahmensucher verwendet werden konnte, einem Schlitzverschluß von 12–1/1000 Sek. und wechselbaren Objektiven, die in umfangreicher Zahl von Meyer, Schneider und Zeiss kamen: u.a. Primoplan 1,9/50 und 75 mm, 4,5/120 mm, Trioplan 2,8/105 mm, Weitwinkel-Doppelanastigmat 6,8/38 (1937) und 4,5/40 mm (1938), die Tele-Xenare 5,5/150 bis 300 mm, das Tessar 4,5/250 mm und das lichtstarke Zeiss Biotar 1,5/75 mm. Damit hatte die Kleinbild-Spiegelreflex eine nahezu ebenso umfangreiche Ausstattung wie die beiden Sucher-Kleinbildkameras Leica und Contax. Die Contax erhielt im gleichen Jahr (1936) ein mit dem Entfernungsmesser gekuppeltes sowie einem speziellen Sucher versehenes und bis dahin lichtstärkstes Tele-Objektiv Olympia-Sonnar 2,8/180 mm, das erstmals zu den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen (Februar 1936) zum Einsatz kam, sowie das ebenfalls mit Sucher an die Kamera direkt anschließbare Tele-Tessar 8/300 mm. Als noch fehlendes 35-mm-Weitwinkel erschien außerdem das Herar 3,5/35 mm (das 1938 durch das Biogon 2,8/35 mm abgelöst wurde). Ebenfalls im Olympia-Jahr stellte Zeiss noch die Contax III vor, die nun über einen aufgesetzten elektrischen Belichtungsmesser verfügte.

Die Belichtungsmesser, die für die Pressefotografen eine wichtige Einstellhilfe darstellten, da sie ihre Aufnahmen häufig bei ungünstigen Lichtverhältnissen zu machen hatten, waren inzwischen weiterentwickelt worden. Die ersten elektrischen Belichtungsmesser mit Halbleiter-Fotozellen (Selen) hatten 1932 die Firma Weston (USA) und im gleichen Jahr die Firma Gossen mit dem Photolux gebaut [35]. 1937 konnten die Hersteller dieser Selen-Handbelichtungsmesser die Empfindlichkeit auf den Kunstlichtbereich deutlich erweitern. Der Elektro-Bewi (von Bertram) erreichte nun die vierfache Empfindlichkeit, und das neue Modell Rex (von Rex) wurde mit einer Lichtempfindlichkeit von 1 Lux vorgestellt [36].


Kleinbild unzulänglich für die Presse

Obwohl die Pressefachorgane immer wieder schrieben, daß die schnelle Bereitschaft der Kleinbildkamera, das kleine Volumen, die unauffällige Handhabung, die Möglichkeit von rasch aufeinanderfolgenden Serienaufnahmen und die feinkörnigeren Filme die Mängel der Kleinbildfotografie nunmehr ausgeräumt hätten und dieses viele Pressefotografen bereits bewogen habe, die Kleinbildkamera neben den größeren Formaten zu verwenden [37], blieb bei den Pressefotografen die Kleinbildfotografie umstritten – jedoch nicht nur bei ihnen. Deren Verwendung scheiterte auch vielfach an den Ansprüchen, die die Redakteure an die Bildqualität stellten – sie verlangten Schärfe, Brillanz sowie Kornschärfe. Zweifellos ließen sich diese reproduktionstechnischen Forderungen mit dem Kontaktabzug einer Großformataufnahme leichter erfüllen als mit dem vergrößerten Kleinbild. Doch die Tatsache, daß die Kleinbildfotografie in der Presse als zweitrangig eingeschätzt wurde, lag nach damaliger Expertenmeinung weniger an der Apparatur als an der mangelhaften Beherrschung der Kleinbildtechnik durch die Fotografen. Bezüglich der Schärfe liege das Problem an der ungenauen Entfernungseinstellung und dem in der Situation nicht immer genutzten Entfernungsmesser. Der Schärfeverwackelung sollte deshalb mit einem Bruststativ entgegengewirkt werden. Um brillante Vergrößerungen zu erhalten, wurde für den Gebrauch der Kleinbildkamera eine Einschränkung gemacht: Bei sonnigem Himmel sei die Kleinbildkamera gleichwertig, bei bedecktem Himmel dagegen das Großformat im Vorteil, weil hier leichter eine Kontraststeigerung durch hartes Papier möglich sei, was beim Kleinbildnegativ das Silberkorn zu stark hervortreten ließ. Als Ausweg bestünde jedoch die Möglichkeit, das flaue Kleinbildnegativ auf eine hart arbeitende, aber feinkörnige großformatige Diapositivplatte zu vergrößern und von dieser Kontaktabzüge zu machen, die wiederum den Reproduktionsanforderungen entsprechen würden [38].

Eine deutliche Wende dieser filmtechnischen Probleme in der Kleinbildfotografie behoben die 1936/37 von Agfa eingeführten Dünnschicht-Feinkornfilme, u.a. mit dem Isopan ISS 21 DIN und dem Isopan F 17 DIN. Deren Bedeutung wurde so hoch geschätzt, daß sie manchen Pressefotografen davon abbringen werde, die Kleinbildfotografie weiterhin abzulehnen. Mit dem wesentlich besseren Auflösungsvermögen sei es nun möglich, daß 18 x 24-cm-Vergrößerungen von Kleinbildnegativen so aussähen, als wären es Kontaktkopien von originalen 18 x 24-cm-Negativen. Euphorisch hieß es: „Der schlimmste Feind der Kleinbild-Photographie, das lästige Korn, wurde nun endgültig durch die neuen Feinkornfilme erledigt.“ [39] Die Presse hoffte, daß diese außergewöhnlich verbesserte Emulsion, die zunächst nur für die Kleinbildfotografie vorgesehen war, auch den Rollfilmformaten zugute kommen werde [40].
Oktroi des Propagandaministeriums

1937 wurde die Diskussion um die Frage des Aufnahmeformats in der aktuellen Bildberichterstattung durch das Propagandaministerium beendet. An alle zugelassenen Fotoreporter im Reichsausschuß der Bildberichterstatter erging folgende Mitteilung: „Gemäß einer Verfügung des Herrn Reichministers für Volksaufklärung und Propaganda [vom 1.8.1937] wird den Bildberichterstattern, die sich in der aktuellen Bildberichterstattung betätigen, zur Erreichung lebendigerer Bilder die Verwendung von Kleinbildkameras zur Pflicht gemacht. In Zukunft sind der Besitz und die vollkommene Beherrschung der Kleinbildkamera Voraussetzung für den Erhalt des von dem Ministerium herausgegebenen Sonderausweises (rote Armbinde)“. [41] Diese Order wurde in Fotografenkreisen selbst – in plötzlicher Erkenntnis – mit der Erleichterung der Arbeit und der Senkung der Unkosten gerechtfertigt und kommentiert. Einerseits sei mit den Riesenkameras zu häufig der Eindruck der Feierlichkeiten durch die auffällig arbeitenden Fotografen gestört worden, obwohl diese eine absolut unwichtige Nebenfigur seien. Andererseits wären die grellen Blitze bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen empfindlichste Störungen, die durch das unauffällige Arbeiten mit den lichtstarken Objektiven der Kleinbildkamera vermieden werden könnten. Außerdem biete die Kleinbildkamera die Möglichkeit, alle Situationen und die prägnantesten Momente eines Geschehens mit größter Schnelligkeit zu erfassen und in brauchbare Bildform zu bringen [42]. Weiter hieß es erläuternd: „Wenn dem Bildberichterstatter durch den bekannten Erlaß des Reichspropagandaministers die Beschäftigung mit der Kleinbildkamera zur Pflicht gemacht wurde, geschah dies vor allem aus dem Grund, weil damit dem Reporter für seine besonderen Aufgaben das höchstgezüchtete Aufnahmegerät und Aufnahmematerial zur Verfügung steht.“ [43] Gemeint war damit der gerade (1938) erschienene Agfa Isopan-Ultra Kleinbildfilm, der mit 23 DIN der höchstempfindliche Film war, den es damals gab und der den Beinamen „Reporter-Film“ [44] trug. Mit diesem Film, der seit einiger Zeit schon den Wochenschaureportern für Filmaufnahmen unter schwierigen Lichtverhältnissen zur Verfügung gestanden hatte, sollte auch „der Bildberichterstatter [...] Aufgaben zu bewältigen im Stande sein, die ihm bis jetzt verschlossen waren“ [45]. In Folge des Erlasses wurden für die Bildberichterstatter Kleinbildkurse eingerichtet, in denen u.a. Anfang 1938 im Haus der Deutschen Presse Franz Roth in einem Vortrag die Vorzüge der Plaubel Makina darlegte, die er als die ideale Lösung in der Auseinandersetzung zwischen Groß- und Kleinbild ansah. Das Propagandaministerium hatte für die Zwecke der Bildberichterstattung die Makina ausdrücklich zugelassen [46]. Das Jahrbuch „Das Deutsche Lichtbild“ als Leistungsschau der Fotografen verzeichnete übrigens 1938, daß die Bilder zu 47 % mit Großformat, 26 % im Mittel-Format und 27 % im Kleinbildformat aufgenommen worden waren [47].


Kleinbild in Farbe

Zwar war u.a. schon der von Agfa 1932 im Rollfilm- und 1935 im Leicaformat eingeführte Agfacolor-Kornrasterfilm, mit Belichtungszeiten von 1/25 Sekunde und Blende 2,9 bis 4 bei hellem Wetter, für journalistische Aufnahmen geeignet [48]; den eigentlichen Fortschritt brachten jedoch erst der Kodak Kodachrome (13 DIN) und Agfa Agfacolor-Neu (7 DIN, ab 1938 15 DIN), die 1936 als Farbdiafilme auf den Markt kamen – zunächst nur für das Kleinbildformat. Mit diesem Entwicklungsschub in der Farbfotografie erfuhr die Presse nicht nur in der Veröffentlichung von Farbbildern in Zeitungen und Zeitschriften – die es zuvor auch schon gegeben hatte [49] – einen Fortschritt, sondern vor allem auf der Seite der Aufnahme, in den Möglichkeiten der Reportage, da das Material trotz der geringeren Empfindlichkeit nunmehr in der Handhabung weitgehend wie Schwarz/Weiß-Film eingesetzt werden konnte.

Die NS-Propagandamaschinerie nahm sich in der Nutzung des Pressefotos im „Kampf um die Erneuerung Deutschlands“ [50] nun auch der Farbfotografie an, nicht zuletzt, um diese als „deutsche Erfindung“ und „deutsches Kulturgut“ zu vereinnahmen. Pünktlich zur Olympiade 1936 in Berlin konnten die Nationalsozialisten „ihre“ Errungenschaften in Farbe der Weltöffentlichkeit präsentieren, z.B. als die Leipziger Illustrierte Zeitung mit einer Doppelseite „Farbige Impressionen von den Olympischen Festtagen in Berlin“ [51] veröffentlichte (die noch mit Agfacolor-Ultra-Platten aufgenommen waren). Als 1938 der Verlag des Hamburger Fremdenblattes seine Fünffarben-Tiefdruckrotationsmaschine in Betrieb stellte, auf der in der Folgezeit auch die Hamburger Illustrierte gedruckt wurde, begann – noch vereinzelt – für die Bildberichterstattung ein neuer Abschnitt: Nachrichtenfotos in Farbe.


Erhöhung der Aufnahmegeschwindigkeit

Zur Beschleunigung des Filmtransports und Verschlußaufzugs war für die Leica bereits 1936 eine sog. Hebelzugvorrichtung für eine schnelle Einzelbildweiterschaltung eingeführt worden. 1938 ließ der neue Federwerk-„Leica-Motor“ zwölf Aufnahmen hintereinander (ca. 2 Bilder/Sek.) zu. Bei der mit quadratischem Aufnahmeformat (24 x 24 mm) 1938 neu erschienenen Zeiss Tenax wurde herausgestellt, daß sie durch den Wegfall der Auswahl des Hoch- oder Querformats und durch einen Schnellaufzughebel etwa zwei Aufnahmen pro Sekunde bei insgesamt 50 Aufnahmen auf einem Film über eine für Reporter erhöhte Aufnahmebereitschaft verfüge. Als Normalobjektiv wurde ein Sonnar 2,0/40 mm eingesetzt, das eine um 50 % größere Schärfentiefe als eine 50-mm- Brennweite für das Kleinbildformat 24 x 36 mm bot und damit weniger Fokussieraufwand bedeutete [52].

1938 wurde den Pressefotografen in einem Fachorgan die bereits seit 1934 vorhandene Robot I (Kleinbildkamera mit Federwerk-Filmtransport für Reihenaufnahmen von 24 Fotos) als „ein neuer Kameratyp: die Schnellschußkamera“ vorgestellt und mit folgenden Worten beschrieben: „Aufnahmebereitschaft und Schußtempo der modernen Kleinbildkamera sind durch Anwendung kurzer Brennweiten, des gekuppelten Entfernungsmessers und der Kuppelung von Verschlußaufzug und Filmtransport sehr weit getrieben worden. Die Schußschnelligkeit wurde durch zusätzliche Einrichtungen z.T. noch erhöht. Wie sehr diese Einwirkung die photographische Darstellung und Bildgestaltung beeinflußt hat, ist bekannt: der packende Schnappschuß, die lebendige, bewegte Serie sind ihre Kinder. Die Entwicklung mußte folgerichtig zu Kameras führen, die nicht nur an Aufnahmebereitschaft, sondern auch an Schußgeschwindigkeit das Letzte hergeben. [...] Hier setzt die Schnellschußkamera ein, das ‚photographische Maschinengewehr’, mit einem Schußtempo von mehreren Aufnahmen in der Sekunde. Es gibt dem Photographen die Möglichkeit, den richtigen Augenblick sozusagen mit Schüssen einzukreisen. Die Treffsicherheit wird damit wesentlich erhöht“. [53]

Mit derartigen Beschreibungen geriet die Kameratechnik zunehmend zu einem militärischen Gerät – die Vorbereitung auf ihre fotografischen Propagandafeldzüge lief bereits.


Anmerkungen

[1] Rückblick auf die Kamera. In: Deutsche Presse (DP), Nr. 21 (1933), S. 324.
[2] Vgl. Frerk, Friedrich Willy: Die Kamera des Bildreporters. In: Zeitungs-Verlag (ZV), Sondernummer Presse-Foto, November 1933, S. 11f.
[3] Vgl. Platte oder Film? In: ZV, Nr. 16 (1934), S. 268–269.
[4] Vgl. Kleinkamera oder nicht? In: ZV, Nr. 38 (1933), S. 615f.
[5] Die moderne Schnappschußkamera. In: ZV, Nr. 20 (1934), S. 332.
[6] 1934 wurde die frühere Methode der Empfindlichkeitsangabe von Aufnahmeschichten in Scheiner-Graden durch das DIN-Verfahren abgelöst. Vgl. Zur Einführung des DIN-Verfahrens. In: ZV, Nr. 4 (1934), S. 63.
[7] Vgl. Aus der Praxis der Illustrationsphotographie. In: ZV, Nr. 4 (1933), S. 60f.; Nr. 18 (1933), S. 298.
[8] Vgl. Die moderne Schnappschußkamera. In: ZV, Nr. 20 (1934), S. 332.
[9] Vgl. Der Reporter und die Kleinbildkamera. In: Gebrauchs-Fotografie, Nr. 10 (1934), S. 198f.
[10] Vgl. Der Reporter und die Kleinbildkamera. In: Gebrauchs-Fotografie, Nr. 11 (1934), S. 214f.
[11] Vgl. Feinkorn-Entwicklung. In: ZV, Nr. 3 (1935), S. 39f.
[12]Vgl. Nicht mehr Scheiner, sondern DIN. In: Deutsche Optiker-Zeitung, Nr. 13 (1934), S. 122.
[13] Vgl. Zur Einführung des DIN-Verfahrens. In: ZV, Nr. 4 (1934), S. 63.
[14] Vgl. Was sind Din-Grade? Die neue deutsche Empfindlichkeitsbezeichnung für Platten und Filme. In: Deutsche Optiker-Zeitung, Nr. 8 (1934), S. 75.
[15] Vgl. Nicht mehr Scheiner, sondern DIN. In: Deutsche Optiker-Zeitung, 1934/Nr. 14, S. 134.
[16] Vgl. Farbenempfindliche Schichten. In: ZV, Nr. 12 (1934), S. 205.
[17] Vgl. Neues vom Feinkorn. In: Deutsche Optiker-Zeitung, Nr. 26 (1933), S. 216.
[18] Vgl. Deutsche Optiker-Zeitung, Nr. 26 (1933), S. 216.
[19] Vgl. Bilder, die gern genommen werden. In: ZV, Nr. 26 (1937), S. 397.
[20] Vgl. Neuzeitliches Aufnahmematerial und seine Verarbeitung. In: ZV, Nr. 30 (1935), S. 530–531.
[21] Vgl. ebd., S. 531.
[22] Vgl. Neuheiten der Leipziger Messe für den Bildberichter. In: ZV, Nr. 13 (1937), S. 197.
[23] Vgl. Heering, Walther: Photographieren bei Nacht, Harzburg 1933; Kross, Walter: Momentfotos bei Nacht. Straßen-, Innen-, Bühnenaufnahmen, Halle 1934.
[24] Vgl. Kunstlicht des Bildberichterstatters. In: ZV, Nr. 51–52 (1935), S. 859.
[25] Vgl. Neuheiten der Leipziger Messe für den Bildberichter. In: ZV, Nr. 13 (1937), S. 197.
[26] Vgl. Eine Leistung ohne richtige Gegenleistung. In: ZV, Nr. 5 (1935), S. 73f.
[27] Die Kleinkamera des Bildberichterstatters. In: ZV, Nr. 45 (1935), S. 771.
[28] Ebd.
[29] Vgl. ebd. ZV, Nr. 45 (1935), S. 772.
[30] Vgl. Weise, Bernd: Pressefotografie als Medium der Propaganda. In: Kerbs, Diethart, et al.: Die Gleichschaltung der Bilder – Pressefotografie 1930–1936, Berlin 1983, S. 141 ff.
[31] Klein, Alfred: Mit der Leica als Berufsphotograph und Bildberichterstatter, Wetzlar 1935, S. 21.
[32] Neues für den Bildberichterstatter. In: ZV, Nr. 11 (1936), S. 169–169.
[33] Neuheiten der Leipziger Messe für den Bildberichterstatter. In: ZV, Nr. 13 (1937), S. 196f.
[34] Vgl. ebd., S. 197.
[35] Vgl. Baier, Wolfgang: Quellendarstellungen zur Geschichte der Fotografie, München 1977, S. 361.
[36] Vgl. Neuheiten der Leipziger Messe für den Bildberichter. In: ZV, Nr. 13 (1937), S. 197
[37] Vgl. ebd., S. 196.
[38] Wie können Kleinbildaufnahmen verbessert werden?. In: ZV, Nr .14 (1936), S. 215f.
[39] Einwandfreie Vergrößerungen vom Kleinbild. In: ZV, Nr. 27 (1937), S. 413.
[40] Ebd., S. 413f.
[41] Vgl. Aktuelle Bildberichterstattung nur mit Kleinbildkamera. In: Gebrauchs-Fotografie, Nr. 11 (1937), S. 197.
[42] Vgl. ebd. S. 198.
[43] Neuheiten für Pressephotographen. In: ZV, Nr. 50 (1938) , S. 777.
[44] ZV, Nr. 50 (1939), S. 671.
[45] ZV, Nr. 50 (1938), S. 777.
[46] Vgl. Die Kamera im Dienste des Bildberichterstatters. In: Gebrauchs-Fotografie, Nr. 3 (1938), S. 61f; Bildberichter und Kleinkamera. In: Der Photograph, Nr. 16 (1938), S. 63.
[47] Vgl. Baier a.a.O. S. 298
[48] Vgl. Erfahrungen mit Farbenphotographie. In: Der Zeitschriften-Verleger, Nr. 38 (1935), S. 588.
[49] Vgl. Weise, Bernd: Reproduktionstechnik und Medienwechsel in der Presse. In: Fotografie gedruckt, Rundbrief Fotografie, Sonderheft 4, Esslingen 1998, S. 5–12.
[50] Vgl. Stiewe, Willy: Das Pressefoto als publizistisches Mittel, Leipzig 1936, S. 124 ff.
[51] Illustrirte Zeitung, Nr. 4778 (1936), vom 8. Oktober.
[52] Vgl. ZV, Nr. 29 (1938), S. 447f.
[53] Ein neuer Kameratyp: Die Schnellschußkamera. In: ZV, Nr. 28 (1938), S. 432.

Der Artikel erschien als Print in:RUNDBRIEF FOTOGRAFIE, No.4 / 2005, S.13-19.
19.03.2012