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  Schwierige Exponate? Ausstellungen mit Fotobüchern über Paris in Hamburg und zur Fotogeschichte der Schweiz in Winterthur
von Thomas Wiegand

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Bücher gelten ganz allgemein als schwierige Exponate in Ausstellungen. Entweder man sieht nur die Vorderseite des Einbands, oder, wenn das Buch aufgeschlagen ist, eine einzige Doppelseite. Für reine Textbücher mag das ausreichen, für illustrierte Werken eher nicht. Das Ausstellen von Fotobüchern in Vitrinen war schon immer nicht einfach und diente oft nur als Beweis, dass das Werk X überhaupt existiert oder in der Sammlung Z vorhanden ist. Wie aber das Buch aufgebaut und gestaltet ist, lässt sich an den üblicherweise in Vitrinen gezeigten Schaustücken nicht erkennen. Dazu müsste man Exponate haben, die in der buchtypischen Weise wahrgenommen – also angefasst, durchgeblättert, gelesen – werden können.

Fotobücher waren bis vor ein paar Jahren nur etwas für wenige Spezialisten und Sammler; inzwischen hat es sich durchgesetzt, in Fotobüchern künstlerische, journalistische, kurz fotografische Werke zu sehen, die eigenen Gesetzen und Kriterien folgen. Das Wissen um Fotobücher nimmt stetig zu und allein in den letzten 12 Monaten sind fünf dicke Bücher über Fotobücher erschienen (Themen: Köln, Deutschland, Paris, Schweiz, Südamerika) und weitere sind angekündigt. Dass man nunmehr verstärkt versucht, das Fotobuch als Ausstellungsexponat salonfähig zu machen, liegt auf der Hand, nicht zuletzt auch, um die Bücher über Fotobücher im Rahmen passender Events vorzustellen zu können. Dessen ungeachtet bietet eine Ausstellung andere Möglichkeiten als eine „nur“ zweidimensionale Katalog-Drucksache, um Bücher sinnlich erlebbar zu machen. Anhand der beiden sehenswerten Ausstellungen „Eyes on Paris“ (Hamburg) und „Schweizer Fotobücher“ (Winterthur) sollen die sich bietenden und genutzten Möglichkeiten vorgestellt werden.
In Hamburg geht es darum, wie Paris, die Welthauptstadt der Fotografie, in Fotobüchern dargestellt wird. In Winterthur war das Thema, eine „andere“ Fotogeschichte der Schweiz zu schreiben, wofür man von Büchern Schweizer Fotografinnen und Fotografen ausging. Die Hamburger Ausstellung im Haus der Fotografie in den Deichtorhallen basiert auf der langjährigen Sammel- und Recherchearbeit des engagiert agierenden freiberuflichen Solisten Hans Michael Koetzle, die Winterthurer speist sich aus der Arbeit eines größeren Teams um Peter Pfrunder von der Fotostiftung Schweiz. Koetzle konnte zusammen mit Ingo Taubhorn eine gegenüber Winterthur vergleichsweise große Fläche bespielen. In beiden Städten werden die Ausstellungen von einem vertiefenden Angebot an Vorträgen, Symposien oder Filmvorführungen ergänzt. Gemeinsam ist den beiden Ausstellungen die nach wie vor unverzichtbare Präsentation der Fotobücher in Vitrinen, das Zeigen von Vintagefotos aus den Büchern, von Buchentwürfen (Dummys, Maquetten, Storyboards), von Dokumenten und Ephemera (Briefe, Prospekte, Zeitschriften) sowie von Videos. Beide Ausstellungen werden von ambitionierten Katalogen – künftigen Standardwerken – begleitet.

Eyes on Paris. Paris im Fotobuch 1890 bis heute
Die aufwändige Hamburger Ausstellung wurde um einen als Bibliothek gedachten Mittelraum herum gebaut (Ausstellungsarchitektur: Roland Poppensieker). Zwar kann man in dieser „Bibliothek“ die in langen Tischvitrinen liegenden Bücher nicht in die Hand nehmen und lesen, aber doch bequem betrachten. Zuweilen werden mehrere Exemplare des gleichen Buches gezeigt, um auch Einblicke in deren Innenleben zu ermöglichen. Die Vitrinen sind chronologisch bestückt; die ältesten Bücher liegen zunächst des Eingangs. Die Wände der „Bibliothek“ sind – mit zwei Ausnahmen in Rot und Blau – weiß gestrichen, sodass sich die Anmutung der Trikolore einstellt. An der Rückwand findet sich der (warum eigentlich?) englische Titel; Ausstellung und Begleitbuch sind im Übrigen komplett in Deutsch betextet, was beim Ort der Ausstellung nahe, aber bei deren Thema ferne lag. Allerdings gab es wohl gewisse Probleme, um für Hamburg Exponate aus französischen Museen zu bekommen, sodass die Zurückhaltung von Kuratoren und Verlag verständlich ist. Vielleicht wird ja noch eine französische Version des von Koetzle und drei Gastautoren bestrittenen Katalogs nachgereicht, wenn man erst in Frankreich auf diese Arbeit aufmerksam geworden ist…
In den Seitenkabinetten, beginnend im Uhrzeigersinn links neben dem Eingang, sind die zu sieben Themenblöcken zusammengefassten weiteren Exponate zu finden. Den Anfang machen Bildmappen zu architektonischen Sujets. Diese bereiteten die wenigsten Probleme mit dem Ausstellen, kann man doch die Blätter einzeln rahmen. Den Kern der Präsentation machen neben den Büchern fotografische Abzüge aus. Koetzle und Taubhorn habe erstaunlich viele gute Prints von Motiven aufstöbern können, die in den Büchern enthalten sind. Im Idealfall sind es sogar die originalen Druckvorlagen! Während die Blätter aus den Mappenwerken randlos gerahmt sind, erhielten die Vintageprints Passepartouts und (je nach Serie einheitliche) Holzrahmen. Hinzu kommen so plastisch wie möglich fotografierte Reproduktionen charakteristischer Doppelseiten, um Bücher näher vorzustellen. Die „Flachware“ wird zuweilen durch kleine, maßgefertigte Vitrinen ergänzt, in denen die zugehörigen Originalbücher liegen. Buch und Bilder sind also so nahe beieinander. Die fast immer sehr gut erhaltenen Exponate stammen überwiegend von privaten Leihgebern. Durch die gute Materiallage waren die Kuratoren in der Lage, dem Buch „Farbiges Paris“ (1961) von Peter Cornelius größeren Raum zu geben; hierfür gibt es auch Kontaktbögen und andere noch nie öffentlich gezeigte Dokumente zu sehen, die beispielsweise veranschaulichen, wie sich der prominente und in diese Dingen vielbeschäftigte Autor des Vorworts gegenüber dem Fotografen als eigentlichen Urheber des Buches in Szene zu setzen wusste. Das nicht zu Lebzeiten des Fotografen realisierte Paris-Buch von Otto Steinert wird durch eine beeindruckende Auswahl von Vintageprints vorgestellt und vertritt damit die Gruppe verspäteter oder aufgegebener Projekte. Der im Prinzip chronologische Rundgang durch die Ausstellung ist geschickt mit thematischen Schwerpunkten verwoben. So wird beispielsweise „Magie der Schiene“ (1949) von René Groebli genau dort gezeigt, wo es auch hingehört, nämlich im Bereich zwischen der Subjektiven Fotografie und den Autorenfotografenbüchern. (Nebenbei: Groeblis Werk ist nicht auf den ersten Blick als Paris-Buch zu erkennen und es ist selbstverständlich auch in Winterthur als wichtiges Schweizer Buch dabei.) Die in Hamburg gefundenen Übergänge zwischen den sieben Themenblöcken sind fließend. Die an der Chronologie und gleichzeitig an den Themenschwerpunkten orientierte, ausgeklügelte Anordnung der Exponate unter gleichzeitiger Berücksichtigung der konservarorischen Belange ist perfekt. So nimmt die Beleuchtungsstärke für empfindliche Vintageprints zu den Seitenkabinetten hin ab, ohne dass man das als Einschränkung oder Bruch empfindet. Auf die an manchen Stellen aus Lautsprechern am Boden kommende, allerdings leise Berieselung mit Chansons hätte man gern verzichten können. Unverzichtbar dagegen sind die sechs kleinen Monitore, die wie Bilderrahmen etwa in der Mitte des Parcours an der Wand hängen und auf denen man sich, der Ton kommt aus Kopfhörern, im Sitzen zehn Videos ansehen kann. Diese zeigen nichts anderes als Hände, die ein Buch komplett von vorn nach hinten durchblättern. Aus dem Off kommt die Stimme der Blätternden – das sind neben den beiden Kuratoren vier weitere Fotobuchexperten, die je ein Buch und dessen Konzept aus ihrer Sicht erläutern. Ein elftes Video eines weiteren Experten – Martin Parr – ist nur auf der Website des Museums zu sehen (www.deichtorhallen.de/index.php?id=212). Die auf diese Weise vorgestellten elf Publikationen sind vielleicht die wichtigsten aus der Reihe der insgesamt etwa 130 in der Ausstellung und im Katalog zu findenden Fotobücher. Die getroffene Auswahl für „Eyes on Paris“ wird selbstbewusst als definitiv dargestellt. Wie bei jeder Auswahl könnte man das auch anders sehen und das als die allergrößte Rarität (Shinzo Fukuhara, „Paris et la Seine“, 1922) inszenierte Exponat ist gar kein Einzelstück, was der Aura einer solchen Seltenheit selbstverständlich keinen Abbruch tut. Qualität, Auswahl und durchdachte Strukturierung des in Hamburg zu Paris präsentierten Materials sind vorbildlich. Lohn der Mühen: das Ziel, ein „Fest für das Auge“ auszurichten, wie es Taubhorn in seiner Eröffnungsrede formulierte, wurde zweifellos erreicht.

Schweizer Fotobücher 1927 bis heute
Die Ausstellung in Winterthur ist kompakter und weniger opulent als die in Hamburg – dafür ist der um 70 wesentliche Werke herum konzipierte Katalog deutlich dicker. Für diesen gingen gleich 23 Autoren an den Start, um die Bücher zu portraitieren. Eine von dem Sammler Hans Rudolf Gabathuler zusammengestellte ausführliche Bibliographie mitsamt der Nennung von Varianten und weiteren Ausgaben ist am Ende des Buches – und zugleich auch im Internet zu finden – ein sehr praktischer Service (bibliografische Daten ohne Bilder: www.photobibliothek.ch; Bilder mit reduzierter Bibliografie: www.fotostiftung.ch/de/schweizer-fotografie-a-z/schweizer-fotobuecher). Hofft man allerdings, allen 70 von einer Kommission diskutierten und ausgewählten Büchern in der Ausstellung zu begegnen, wird man angenehm enttäuscht. Selbstverständlich fehlen nicht die beiden berühmtesten Werke von Robert Frank, des bedeutendsten Schweizer Fotografen, und auch als Meilensteine geltende Publikationen von Albert Steiner und Jakob Tuggener werden sowohl im chronologisch angelegten Katalog als auch in der thematisch gegliederten Ausstellung ausführlich präsentiert – aber das ist nicht grundsätzlich so. Eine im Eingangsbereich des Museumsraums in Form einer Landkarte der Schweiz an die Wand gebrachte Installation aus Originalbüchern aus Gabathulers Sammlung vermittelt nicht nur eine nochmals andere Sicht auf die Schweizer Fotobuchwelt, sondern fungiert zugleich als erstes von neun Kapiteln der Ausstellung. Für sieben weitere Themen (Heimat, Berge, Luftbilder, Zeitgeschichte, Reisen, Arbeit, Menschen) wurde je eine lange Tischvitrine bestückt und zwar mit einigen ausgewählten Büchern – die eben nicht unbedingt zur chronologisch geordneten 70er-Auswahl im Buch gehören müssen – auf der einen und einer detaillierten Vorstellung eines einzigen Buches oder einer Buchreihe (mit Dummys, Skizzen, Dokumenten, anderen Ausgaben etc.) auf der anderen Seite. Der Raum wird in der Mitte von Fahnen mit Erläuterungstexten geteilt und ist damit klar gegliedert. Die an den äußeren Schmalseiten der Vitrinen liegenden Wandflächen werden dazu genutzt, pro Kapitel zwei Bücher mittels Reproduktionen (Doppelseiten, Umschlag) und sparsam eingesetzten, gerahmten Originalabzügen näher vorzustellen. Dem neunten Thema ist die der Buch-Landkarte gegenüberliegende Seite des Raums gewidmet: hier wird in einem Dutzend Künstlerbüchern geblättert. Je sechs Werke sind parallel auf zwei Video-Projektionsflächen zu sehen, und zwar ohne Ton und mit zu viel Dynamik. Da werden Seiten übersprungen, da wird vor- und zurück geblättert, das projizierte Bild zeigt bei Großformaten nur Ausschnitte und man weiß oft nicht, um welches Buch es gerade geht. Diese ganz anders als in Hamburg realisierten Blättervideos werden dem Medium Fotobuch nicht ganz gerecht; dafür sind sie kürzer.
Insgesamt wirken die unterschiedlichen Komponenten der Schweizer Ausstellung einer Kanonisierung der Bücher entgegen. Die für Wandinstallation, Vitrinen, Videos und Katalog getroffene Auswahl hat Höhepunkte, beleuchtet aber auch so viele Nebenaspekte, dass ein umfassendes Bild der Produktion Schweizer Fotografen entsteht – von Bildbänden und Auftragsarbeiten über journalistische Arbeiten bis hin zu Medienuntersuchungen und Kunstprojekten. Der Anspruch, einen anderen Blick auf die Geschichte der Schweizer Fotografie zu bieten, wird mit dem längerfristig wirkenden (und auch in Übersetzungen vorliegenden) Katalog-Buch eingelöst und von der Ausstellung illustriert und untermauert.

Fazit
Ausstellungen zum Thema Fotobuch können, wie in Hamburg und Winterthur, faszinieren. Keine Spur von Langweile aufgrund von mangelndem Elan, uninspirierten Konzeptionen, zu vielen Reproduktionen, zu wenig auratischen Exponaten, zu langen Texten. Beide Inszenierungen setzen Maßstäbe und dürften künftig das Ausstellen von Fotobüchern beeinflussen, weil sie in Idee und Realisierung neue Wege und Möglichkeiten aufzeigen. Für Kuratoren gibt es vor diesem Hintergrund keinen Grund, „schwierige“ Präsentationen von Fotobuchoriginalen zu vermeiden. Vitrinen und die gerahmte „Flachware“ an den Wänden haben durch die Videoprojektionen und den gezielten Einsatz von Reproduktionen passende Ergänzungen gefunden, die sich vielleicht noch weiter entwickeln lassen. Wenn künftig noch mehr an den Büchern als Objekte geforscht sein wird, werden bislang unbekannte Varianten, andere Ausgaben und Entwürfe, Vorabveröffentlichungen oder produktbezogene Verlagswerbung ins Blickfeld geraten. Auch das Herausarbeiten künstlerischer Querverweise (in Winterthur angedeutet für Robert Franks „Americans“) wird ein probates Mittel sein, Bücher anschaulich in ihrer Bedeutung zu würdigen.
Im Kölner Stadtmuseum wurde Anfang 2011 im Rahmen der Schau über Fotobücher zum Thema Köln ein Buch so gezeigt, dass alle Bildseiten im Original zu sehen waren. Man hatte den Band einfach 17mal gekauft und je an einer andere Stelle aufgeschlagen (dieses Buch in: Werner Schäfke/Roman Heuberger, Köln und seine Fotobücher, Emons Verlag Köln 2010, S.70f.). Das geht natürlich nur bei dünnen und preiswert verfügbaren Exponaten. Mein Ideal einer Ausstellung von Fotobüchern wäre es, Bücher ohne trennende Glasscheiben im Original in einer dezent inszenierten Leseatmosphäre auszustellen. Das wäre wohl nur in entsprechend gesicherten Räumen oder mit Büchern möglich, die durch Benutzung „leiden“ dürfen. Dass sich diese nahe liegende Idee als Kern einer Fotobuchausstellung künftig einmal realisieren ließe – davon darf der Autor dieser Zeilen weiterhin träumen.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Rundbrief Fotografie, NF 72, 18.Jg./Nr.4 (15.12.2011), S.26-28. Der Verlag hat freundlicherweise seine Genehmigung zur Zweitveröffentlichung an dieser Stelle erteilt (www.rundbrief-fotografie.de/).



Eyes on Paris. Paris im Fotobuch 1890 bis heute
Ausstellung: Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg, D-20095 Hamburg, Deichtorstraße 1-2
Ausstellungsdauer: 16.9.2011-8.1.2012, dienstags – sonntags 11 - 18 Uhr

Website mit Informationen zum Beiprogramm: www.deichtorhallen.de/index.php?id=212
Begleitband: Hans-Michael Koetzle (Hg.), Eyes on Paris. Paris im Fotobuch 1890 bis heute, Hirmer Verlag München 2011, 420 S., Hardcover, Katalogausgabe 39,80 € / Buchhandelsausgabe mit Schutzumschlag 49,80 €, ISBN 978-3-7774-4131-3


Schweizer Fotobücher 1927 bis heute. Eine andere Geschichte der Fotografie
Ausstellung: Fotostiftung Schweiz, Grüzenstraße 45, CH-8400 Winterthur
Ausstellungsdauer: 22.10. 2011 – 19.2.2012
, dienstags – sonntags 11 – 18 Uhr, mittwochs 11 – 20 Uhr

Website mit Informationen zum Beiprogramm: www.fotostiftung.ch/de/ausstellungen/schweizer-fotobuecher/
Begleitband: Peter Pfrunder (Hg.) unter Mitarbeit von Martin Gasser und Sabine Münzenmaier, Schweizer Fotobücher 1927 bis heute. Eine andere Geschichte der Fotografie, Lars Müller Publishers Baden 2011, 574 S., Leinen mit Schutzumschlag, 98 sfr, 700 Abb., ISBN 978-03778-260-6 (deutsch) oder ISBN 978-03778-274-3 (mit Übersetzungen englisch/französisch)

15.01.2012