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Texte zur zeitgenössischen Fotografie und digitalen Bildkunst
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  "Fragmente der Wende - Fragen und Materialien zur deutsch/deutschen Fotografie
von Thomas Leuner

I. Fragen Das Jubiläum „20 Jahre Mauerfall“ hatte die bekannten Feierlichkeiten um die deutsche Einheit ausgelöst: Helmut Kohl, Deutschlandfahnen, der mitternächtliche Mauerdurchbruch, Geschichtskolportagen und Fest-Meilen.Jedoch gab es in diesem Ritual leichte Dissonanzen, Töne, die nicht ganz zum feierlichen „Einheitsbild“ passten und an den latenten „Wendeschmerz“ erinnerten.

Besonders in Erinnerung bleibt im Jahr 2009 der Leipziger Eklat um den Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Joachim Brohm. In diesem öffentlich ausgetragenen Machtkampf schienen sich alle Vorurteile des Verlustes ostdeutscher (Kultur)-Identität zu bestätigen. Weniger spektakulär, aber mit einen ähnlicher Aussage zur deutsch/deutschen Kulturidentität, lässt sich eine wissenschaftliche Arbeit über das Sterben der DDR Literatur-Verlage lesen. Heute, 20 Jahren nach dem Mauerfall, würden nicht mehr als 1% des deutschen literarischen Buchumsatzes in den neuen Bundesländern produziert. www.drs.ch/www/de/drs/sendungen/reflexe/2741.sh10092583.html

Für andere Kunst- und Kulturbereiche lässt das nichts Gutes ahnen. In der Öffentlichkeit wird der Kampf um innerdeutsche kulturelle Hegemonie fast ausschließlich auf dem Gebiet der Malerei ausgefochten. Zwei große Ausstellungen haben sich an dieses Thema gewagt, mit unterschiedlichen Resultaten. Die Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn mit der Ausstellung im Martin Gropiusbau Berlin, Kurator , heftig gescholten, plädierte für die Überlegenheit der Westkunst. www.60jahre-60werke.de/debatte-ost-west-kunst.html. Das Deutsche Historische Museum mit einer Produktion des Los Angeles County Museum of Art traf mehr den Zeitgeist, der von einer gegenseitigen Abhängigkeit ausging. www.dhm.de/ausstellungen/kunst-und-kalter-krieg/index.html

Im Windschatten dieser Malereidiskussion versuchten Kuratoren aus Ostdeutschland, die „DDR-Fotografie“ als ein eigenständiges Thema der Fotokunst zu etablieren. „Kunst und Revolte '89. Übergangsgesellschaft. Porträts und Szenen 1980–1990", Akademie der Künste, Pariser Platz Berlin. www.adk.de/ unter:AdK_KR_09_Pressemappe_147.pdf

"Zeit springen" – Fotografien aus der DDR und Deutschland" www.berlin.de/ba-lichtenberg/aktuelles/mauerfall.html

„Die andere Leipziger Schule“
http://kunsthalle-erfurt.de

Erste Ansätze zur Aufarbeitung des Themas wurden mit dem Kolloquium "Nachbilder – Fotografie in der DDR" unternommen. Ein Teil der dort gehaltenen Beiträge sind in „Fotogeschichte“ Nr. 102, 2006 erschienen, herausgegeben von Wolfgang Hesse und Andreas Krase. www.fotogeschichte.info/index.php?id=53

Vergleichende Ansätze finden sich auch in Jörn Glasenapps Monografie „Die Deutsche Nachkriegsgeschichte“ aus dem Jahre 2008, wobei die Entwicklungen der Fotografie in der DDR ab den 70er Jahren ausgeblendet werden.

Wenn auch unausgesprochen, wird von allen Diskursbeteiligten eine eigene DDR-Identität seit den 70er Jahren unterstellt. Diese habe zu einer eigenständigen „DDR-Fotografie“ geführt, der man das Laibel „Leipziger Fotografie“ zuerkennen könne. Diese Zuweisung einer eigene Identität entspricht der DDR-Propaganda von zwei deutschen Staaten, einem Faktum, dass unwidersprochen vom Westen akzeptiert wird. Besonders die Fotografiekultur der alten Bundesrepublik, die überwiegend von den rheinischen Zentren wie Köln und Düsseldorf geprägt wurde, grenzt und grenzte sich deutlich von einer DDR-Kultur ab.
Sicherlich war die DDR-Kultur in den 35 Jahren ihres Bestehens eng mit den Kulturen der anderen sozialistischen Staaten verbunden. Die DDR hatte jedoch darin eine besondere Stellung. Durch die Identität von Sprache, Geschichte und Familienbanden fand trotz Mauer ein intensiver West/Ost-Kulturtransfer statt, eine privilegierte Situation verglichen mit den anderen „Bruderländern“.
Daher dürfte die isolierte Betrachtung einer „Fotografie in der DDR“ oder einer „DDR-Fotografie“ nur der erste Schritt sein, die Geschichte der deutsch/deutschen Fotografie zu beschreiben und zu bewerten.

Aus den bisherigen Überlegungen ergeben sich weiterführende Fragekomplexe:

Die osteuropäische Fotografie – zwischen „Aufholen“ und „Dissidentenkunst“ –, eine Gesamtschau auf die Fotografie in den sozialistischen Ländern nach 1945.

DieFotografie in der DDR als Zeitzeugnis – also der von „Kunst und Revolte '89“ verfolgte Ansatz, an Hand der künstlersichen Fotografie kulturelle Umbrüche und Entwicklungen aufzuzeigen.

Nach der Wende: Neuorientierung, Desorientierung? – die spezifischen Auswirkungen in den Fotografenbiografien der DDR-Fotografen.

Die Befangenheit in der Kultur des Kalten Kriegs – die deutsche Fotografie nach 1990 und die Becher-Schüler-Kultur.



II. Fragmente

Wie in der Literatur und beim Publizieren im Internet mittlerweile üblich, wurden Textfragmente recherchiert, die die Fragestellungen umkreisen. Die Fundstellen sind durch Links gekennzeichnet. Die Fragen von „fotokritik“ stammen aus einem nicht autorisierten Gespräch mit einem deutschen Fotokurator. Sie dürften auch ohne Antworten wesentliche Aspekte des Themas aufzeigen.

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Als besondere austronostalgische Variante wird die Performance-Fotografie der Hippie- und Underground-Bewegung der frühen Breschnew-Ära (1964 ff-) präsentiert – jeder Dissident ein Künstler! Aus: "Kunst für Alle!" - Roger M. Buergel, das depressive Bürgertum und die D12: in fotokritik 2007. www.fotokritik.de/artikel_26_1.html

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fotokritik: Christian Borcherts Dokumentarfotografie erinnert mich sehr an die naive Vorstellung der „Arbeiter-Fotografen“ in der Tradition der Kommunistischen Partei der Weimarer Republik. Natürlich gab es diese Konzepte auch im Westen bis weit hinein in die künstlerische Fotografie, es sei nur an die Frühwerke der Becher-Schülerin Candida Höfer über die türkischen Mitbürger erinnert. Dieser „beschreibende-heimatkundliche Ansatz“ und diese „Nur-Fotografie" war ja auch der erste künstlerische Impuls der gesamten Becher-Schule. Also kann ich Ihre gewisse Vorliebe für Christian Borchert schon nachvollziehen. fotokritik Aber nochmals zu Christian Borchert www.freitag.de/2000/30/00301702.htm Sie reklamieren ein ästhetisches Konzept, das darauf abzielt, ideologische Vereinnahmungen zu verhindern, eine Bedeutung über das Zeitgenössische hinaus. Warum? Diese Strategie ist doch nur noch aus der Historie erklärbar. Sicherlich, wer mitgelitten hat, für den haben diese Arbeiten auch heute noch einen hohen emotionalen Wert, sie enthalten eine Art Erinnerungscode. Diese Problematik ist ja nicht nur auf die DDR-Fotografie beschränkt, sondern betrifft auch die gesamte sogenannte Dissidentenkunst der ehemaligen sozialistischen Länder.

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Als ein „Zeitgefängnis“ hat der Dichter Durs Grünbein das Leben hinter dem Eisernen Vorhang beschrieben und „Baltic Pop“ spürt dem Weg nach, wie baltische Fotokünstler den Auf- und Ausbruch wagen… Die 10 Fotokünstler zeigen ein Kaleidoskop von Reflexionen, Ansichten und ironischen Zitaten bekannter Fotokunst, die mit dem authentischen Material baltischer Alltagskultur verwoben werden. Dabei sind sie nicht in die Falle der finnischen Nachbarn getappt, die zwar glanzvoll vermarktet in die ästhetische Beliebigkeit oder folkloristische Totalität entschwunden sind. Vielmehr schwingen in der Leichtigkeit und Ironie des Zugriffs der Künstler auf das „vorgefundene Material“ die unergründlichen Ahnungen und Untiefen der Tradition des Tragischen mit, die die baltische Geschichte und Kultur wie ein roter Faden durchzieht und es ermöglicht, dass „Pop“ zur Kunst wird. Aus: „Batlic Pop“, 2008, Ausstellung Giedre-Bartelt-Galerie, Berlin.

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fotokritik: Gehörte Arno Fischer eigentlich zur sogenannten „Ostdeutschen Intelligenz“, die sehr geprägt war durch Emigranten aus der Weimarer Zeit und West-Ost-Wechslern nach 1945? Diese Aura gerade im Bereich Literatur, Theater und Film hatte mich schon als Jugendlicher fasziniert, da im Westen die Wertschätzung linker Kulturschaffender gen null war und beruflich keine Chancen bot. Siehe Anmerkung Nr. 2.

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fotokritik: Als Arno Fischer zum ersten Mal 1985 in meinem Wahrnehmungskreis während meiner Tätigkeit für die Werkstatt für Fotografie in Berlin Kreuzberg auftauchte, war er ein Phantom. Aber ein Phantom, das einer zu unserer großen Überraschung existierenden zeitgenössischen DDR-Fotografie einen Namen gab. Gosbert Adler und Wilmar Koenig haben in ihrem Vorwort zum Ausstellungskatalog „DDR Foto“ (Anmerkung 3) Arno Fischer nicht explizit erwähnt, aber alle dort vorgestellten Fotografen kamen von der Hochschule für Buchkunst Leipzig. Durch Otto Steinert und die „subjektive Fotografie“ wussten wir natürlich, dass gute Lehrerpersönlichkeiten eine außerordentliche Dynamik entwickeln können. Nur fehlte bei Arno Fischer das eigene Werk und ein selbstbezogener Stil wie bei Steinert die „subjektive Fotografie“ oder bei dem Ehepaar Becher die serielle Dokumentation. Auf der anderen Seite entsprach sein pädagogischer Ansatz dem unseren von einer zeitgenössischen Autorenfotografie. Seine Berlin-Fotos waren auf der Höhe der Zeit: Straßenfotografie á la Robert Frank und der amerikanischen Schule. Wegen dieses Widererkennungswertes haben sich Gosbert Adler und Wilmar König sehr für das Ausstellungsprojekt engagiert. Leider war das Ergebnis aufgrund der Zensur des staatlichen Kunsthandels ein ziemliches Desaster.

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Gobert Adler: Unser erstes Ziel war aber die Recherche zur Befriedigung von Neugier und vielleicht auch ein wenig Abenteuerlust. Denn das Herstellen von Kontakten war ja fast eine konspirative Angelegenheit. Wir trafen uns in der Wohnung am Prenzlauer Berg von Barbara Metselaar Berthold. Sie hatte noch einige Freunde eingeladen, die für uns interessant sein konnten. Ich kann mich erinnern an Ulrich Wüst, Wolfgang Kil und Markus Hawlik. Wir wussten nur wenig, hatten auch vorher kaum recherchiert, weil es ja nur offizielle Literatur gab, auf die wir nicht zurückgreifen wollten. Uns ging es eben nicht darum, Fotografie aus der DDR abzubilden, wir wollten hinter der Mauer junge Kollegen treffen, die vielleicht in einer ähnlichen Situation waren wie wir, am Anfang ihrer Karriere, am Anfang ihres professionellen Lebens. Die, wie man so schön sagt, am Start waren, und die gleiche Leidenschaft, wie wir hatten. Das gibt dem Projekt aus heutiger Sicht sicher immer noch etwas sehr Subjektives, für das wir damals wie heute stark kritisiert worden sind, da unserer Auswahl an Arbeiten und Positionen, die nachvollziehbare (wissenschaftliche) Grundlage fehle (Rolf Sachsse). Aus: Auszug Gespräch mit Gosbert Adler über die Katalogproduktion: „DDR Fotografie“ (1987), fotokritik 2010. Siehe Anmerkung Nr. 1.

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fotokritik:
Kennen Sie die Verhältnisse in der Hochschule für Grafik und Buchkunst nach der Wende? Was meinen Sie zu dem Eklat? Und, etwas zugespitzt: Wäre bei Kontinuität der Lehre auch ein Leipziger Fotografie-Schule-Wunder möglich gewesen? Sie haben sicherlich aus der Presse erfahren, dass Neo Rauch in Leipzig gegen die Besetzung des Lehrstuhls in seiner Nachfolge durch den Maler Heribert C. Ottersbach protestiert hat. Er wirft dem Rektor, dem Fotografen Joachim Brohm vor, er hätte einen persönlichen Freund aus seinem eigentlichen Kölner Umfeld geholt. Qualifiziertere Kandidaten seien übergangen worden. Überhaupt sei die „Leipziger Malerei“ an der Hochschule für Buchkunst nur geduldet und nicht gefördert worden, der große Erfolg sei nur einem Unfall der Wendegeschichte zu danken.

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„Die Neue Leipziger Schule ist schon wieder tot.“ www.merian.de/reiseziele/artikel/a-653205.html

„Boom in der Schlinge“ von Ulrike Knöfel. „Der Malerstar Neo Rauch verhalf der jungen deutschen Leinwandkunst zu goldenen Zeiten. Sind die vorbei? Als Lehrmeister zieht sich der Leipziger weitgehend zurück.“ www.spiegel.de/spiegel/print/d-57570334.html „Agieren in der Etappe: Einige Anmerkungen zu der neuen gegenständlichen Malerei der sogenannten Leipziger Schule" von Christoph Tannert www.freitag.de/2005/08/05081701.php

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fotokritik: Geht hier der Kulturkampf um die Deutungshoheit weiter? Soweit ich recherchieren konnte, haben die Proteste von Neo Rauch schon einen realen Hintergrund: Drei der vier Professuren für Malerei sind mit Künstlern aus Köln besetzt. Für sämtliche Professuren in der Fotografie nach 1990 sind mit Ausnahme der von Tina Bara (für das Grundstudium) Personen berufen worden, die keinen ostdeutschen Hintergrund hatten, geschweige denn internationale Erfahrungen. „Front gegen den Rektor“: www.zeit.de/2009/35/Leipziger-Kunst

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Die Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig war die einzige Ausbildungsstätte in der DDR, welche akademisch-künstlerische Abschlüsse als Diplomfotograf bzw. Diplomfotografiker ermöglichte. Bereits ab 1893 gab es hier einen Ausbildungszweig für Fotografie. Zwar war der Begriff „Leipziger Schule“ auf das Wirken von Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke und Bernhard Heisig an der HGB gemünzt, doch entwickelte sich, ausgehend von den sozialdokumentarischen Traditionen des 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere der amerikanischen Life-Fotografie der 1930er Jahre, und fokussiert auf das fotografische Bild der Arbeiter, der Arbeitswelten und des Alltags, auch im Bereich Fotografie unter dem Einfluss dort lehrender Künstler wie Arno Fischer, Evelyn Richter, Wolfgang G. Schröter und Helfried Strauß eine eigene „Schule“, ohne dass für sie – mangels konkurrierender fotografischer „Schulen“ – eine solche Bezeichnung wirklich in Gebrauch kam. In den 1980er Jahren wuchs dort mit Persönlichkeiten wie Gundula Schulze, Erasmus Schröter, Maria Sewcz oder Jens Rötzsch eine Fotografengeneration heran, die beim Blick auf die Verhältnisse in der DDR zugleich auch forciert subjektive Formsprachen entwickelte. Sowohl die ältere als auch die jüngere Generation in Leipzig schuf Bilder vom Land und von den Menschen, die das Prinzip der Augenzeugenschaft ernst nahmen, aber gerade dadurch mit der inszenierten und geschönten Bildwelt der sozialistischen Propaganda, dem parteipolitisch favorisierten „Sozialistischen Realismus“, in Konflikt gerieten.
Aus: Kunsthalle Erfurt – „Die andere Leipziger Schule“ – Fotografie in der DDR. " http://kunsthalle-erfurt.de


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Doch um Ost-West-deutsches Karrieregerangel geht es in dem Streit gar nicht. Der Krach ist Ausdruck eines Kulturkampfs, der in der Formalismusdebatte der 50er-Jahre-DDR begann und in den Schmähungen zwischen den als staatsnah gebrandmarkten DDR-Malern und den sich als liberal verstehenden Westkünstlern weitergeführt wurde. In den 90er-Jahren kam ein weiterer Antagonismus hinzu: Medienkunst und diskursive Kunstpraktiken rückten die Leipziger Malerei in die Ecke eines defätistischen Anachronismus, der so gar nichts zu tun hatte mit einer offenen Gesellschaft und ihrer Kunst. Aus: Robert Schimke in „Kulturkampf in Leipzig, Streit um Neo Rauchs Nachfolge“.
www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=ku&dig=2009%2F08%2F17%2Fa0117&cHash=a9593e060d


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Gundula Schulze Eldowy "Eulenschrei des Verborgenen": worte hängen wie blätter am baum, raunen in schwatzhafter lust, das echo des schweigens ist der eulenschrei des verborgenen. Gesichter und Geschichten sind das große Thema der international renommierten Photographin (Lyrikerin, Erzählerin, Filmerin u. a.) Gundula Schulze Eldowy, das ihr stilistisch wandlungsreiches Werk bestimmt. Die Künstlerin lebt in Berlin, Peru und auf Reisen. Arbeiten von ihr befinden sich u. a…… Die Akademie der Künste präsentiert in "Übergangsgesellschaft" die sozialkritischen Zyklen "Berlin in einer Hundenacht" (1977-1990) und "Im Herbstlaub des Vergessens" 1983/2009 als Fotofilm. Der neue Zyklus aus Peru "Eulenschrei des Verborgenen" greift die überlieferte Mythologie altschamanischer Kultur auf, nach der alle Natur von Geistern beseelt ist. In den frühen Zyklen der 80er Jahre aus der DDR wie u. a. "Tamerlan", "Arbeit" oder "der große und kleine Schritt" entblößte ihre Kamera in einem bedrückenden Maße die brutalen seelischen und körperlichen Verwüstungen menschlicher Existenzen. Ein bleibendes "Zeugnis für die Frauen und Männer, die weitermachen und immer verlieren", schrieb ihr Freund Robert Frank. Die Öffnung der Grenzen und die endlich gewonnene Freiheit änderten auch ihren Stil: Serie "Waldo's Schatten": lichtdurchflutete Körperbilder, in New York entstand die Serie "Spinning on my Heels" (1990-1993). Damit verabschiedete sich Gundula Schulze Eldowy endgültig von der – wie sie es nannte – "mumifizierenden Sicht der sozialdokumentarischen Photographie“ Aus: Ankündigung Galerie pixel grain Berlin

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Trotzdem gelangen ihr selbst für die relativ freie, realitätsnahe DDR-Fotografie provozierende, den Betrachter zwischen Ablehnung und Begeisterung polarisierende Ansichten aus der Arbeits- und Lebenswelt des Landes, in dem Grau die vorherrschende Farbe war und Rot das Fahnentuch der Totgeburt des Neuen Deutschlands. Auf ORWO-Film dokumentierte Gundula Schulze Eldowy die Absurdität einer Fortschrittsidee des 19. Jahrhunderts, die mit jeder Parteitagsphrase immer tiefer in die Barbarei des 20. Jahrhunderts fiel. Die latente Gewalt ihrer extrem körperlichen Bilder, die eine Bedrückung vom Menschen zeigt, die im Hinterhof ihrer unausgesprochenen Leidenschaften und Sehnsüchte wohnen, fing an, die Fotografin selbst zu bedrücken. Am Ende der DDR war auch die wegen ihres furchtlosen Talents von Kollegen angefeindete Außenseiterin mit ihrer Kunst am Ende. Aus: Thomas Knauf „Eine Reise ins Licht – Ansichten über die Fotografin Gundula Schulze Eldowy" www.freitag.de/2007/13/07131601.php

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„Bomber“ Fotografien von Thomas Florschuetz, Hatje Cantz 2009. Als Einziger von ihnen hat er jedoch seine Laufbahn nicht bei Bernd und Hilla Becher in der Düsseldorfer Akademie begonnen – sondern autodidaktisch in Zwickau, wo er 1957 geboren wurde. Nachdem er sich 1981 der Ostberliner Künstlerszene angeschlossen hatte, experimentierte er mit fragmentierenden Selbstakten, die er zu absurden Ensembles zusammenfügte. Mit diesen Arbeiten gewann er überraschend 1987 den Preis für junge europäische Fotografie in Frankfurt am Main. Anschließend siedelte er nach Westberlin über, wo er noch heute lebt und arbeitet. Ähnlich seinen frühen Körperbildern hat er jüngst amerikanische Kampfjets fotografisch fragmentiert und zu seltsam schönen neuen Bildensembles gefügt. Die Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen vereint erstmals eine Auswahl dieser bedeutenden Werkgruppen zu einem umfassenden Werküberblick… erforscht mit seiner Kamera die Oberfläche von Kampfjets, angezogen durch ihre haptische und morphologische Qualität. Texturen, Linien, nebeneinanderstehende Farbflächen und Lichtreflexe werden in ihrer ganzen visuellen Fülle untersucht und vermitteln dabei die Unmittelbarkeit des Sehens. Indem er sich auf Details konzentriert, den Maßstab vergrößert und sich den Objekten aus verschiedenen Blickwinkeln annähert, nehmen die Jets eine abstrakte Qualität an, die Florschuetz zusammenstellt, als ob er ein Gemälde komponieren würde.
Aus:www.kunsthalle-tuebingen.de/index.php?option=com_content&task=view&id=223&Itemid=72&catid=131
+ www.schaden.com/book/FloThoJet05874.html

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Zur Zeit arbeitet Sibylle Bergemann an einer Reportage über das neue Berlin. “Berlin so zu fotografieren, wie ich es damals gemacht habe, geht jetzt überhaupt nicht. Komisch, das kriege ich nicht mehr hin.“ Warum? „Ich weiß es nicht, es geht irgendwie nicht, wahrscheinlich liegt das daran, dass das irgendwie nicht mehr meine Welt ist – oder so. Ich finde die Bilder nicht!“ So Sybille Bergemann in Sendung Reflexe, Schweizer Radio, 23.10.2009. Podcast. Anmerkung 3.
Andreas Gursky wurde am 15. Januar 1955 in Leipzig geboren. Sein Vater Willy Gursky sowie auch der Großvater waren Werbefotograf von Beruf. Willy Gursky betrieb Ateliers in Leipzig und – nach der Flucht der Familie aus der DDR – in Essen und Düsseldorf. Nach: Wikipeda




Anmerkungen:

Anmerkung 1.: „DDR-Fotografie“ Adler, Gosbert & Koenig, Wilmar „DDR Foto“. Wolfgang Gregor, Ralf Wasse, Ralf Rainer, Christian Borchert, Rudolf Schäfer, Thomas Florschuetz, Ulrich Wüst, Gundula Schulze. Berlin / Verein der Freunde der Werkstatt für Fotografie / 1985 / 116 S. Katalog / Photographie - Anthologie - Deutschland, DDR - 20. Jahrh. - Gregor, Wolfgang - Wasse, Ralf Rainer - Borchert, Christian - Schäfer, Rudolf - Florschuetz, Thomas - Wüst, Ulrich - Schulze, Gundula

Anmerkung 2: Arno Fischer war für die DDR einer der stilbildenden Fotografen. Seine wesentliche Bedeutung für die DDR-Fotografie hat er aber aufgrund seiner Lehrtätigkeit. Seit 1956 war er Assistent und 1971 Oberassistent mit Lehrauftrag für Fotografie bei Professor Klaus Wittkugel an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Von 1972 bis 1974 war er Gastdozent an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) Leipzig. 1983 erhielt er einen Lehrauftrag an der HGB. 1985 bis 1993 war er dort Professor für künstlerische Fotografie. Weitere Informationen. www.wikipedia.deorg/wiki/Arno_Fischer und www.arnofischer.com

Anmerkung 3. Sybille Bergemann war die einflussreichste Modefotografin der DDR, nach 1990 Mitbegründerin der Agentur Ost-Kreuz. Frau von Arno Fischer de.wikipedia.org/wiki/Sibylle_Bergemann

07.07.2010

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Schlagworte: DDR-Fotografie, osteuropäische Fotografie, Befangenheit in der Kultur des Kalten Kriegs
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