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und digitalen Bildkunst
 

  "Direkte Fotografie" Verlust der Realität - Gefährdung der Fotografie?
von Thomas Leuner

Verlust der Realität - Gefährdung der Fotografie?

- Thesen zur Fotografie -

Die herausragende Bedeutung der Fotografie im 20. und 21. Jahrhundert steht auf zwei Säulen. Erstens: Das fotografische Bild entsteht durch die Bedienung eines technischen Apparats. Zweitens: Es wird ein Ausschnitt aus der Realität als Vorlage genutzt. Beide Komponenten widersprechen dem bürgerlichen Kunstverständnis, welches lautet: Kunst entsteht durch langes handwerkliches Bemühen des Künstlers. Und: Die Realität ist banal. Kunstwerke spiegeln Höheres, Erhabenes und gehen auf Inspiration und Eingebung zurück.Diese Gegenüberstellung macht deutlich, wie radikal die Fotografie bei ihrer Erfindung im 19. Jahrhundert gegen die Erwartungen des bürgerlichen Kunstpublikums verstieß. Trotz des großen Durchbruchs der Fotografie als künstler-ischem Medium in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich an dieser Polarisierung wenig geändert. Dies lässt sich sehr gut an den retardierenden Momenten aufzeigen, die der Idee der Fotografie ablehnend gegenüberstehen. Es sind die Tendenzen, die die Spuren der Realität verwischen wollen und sich wieder einen handwerklichen Künstler wünschen.
Da die Fotografie selbst nicht mehr abgelehnt werden kann, besteht das Bedürfnis, die eigentlich „banale“ Fotografie zu veredeln und zu „Kunst" zu verdichten. Unter dem Label „digital" wird der Stempel von Photoshop bemüht, werden Rendering-Programme genutzt, in der Meinung, so würde Neues entstehen. Im Ergebnis allerdings unterscheidet sich diese Haltung kaum von den Piktoralisten der Jahrhundertwende, die ihre Negative mit Pinsel und Spachtel bearbeiteten. Oder es wird etwas, das als Reproduktionsmedium für Objekte der Bildhauerei, Installation oder Performance genutzt wird, dann als Fotografie ausgegeben. Oder wir haben es mit "Fotokunst" zu tun, die jedes Bild auf Fotopapier für Fotografie hält und den Verlust der Realität als „postmodern" feiert.Eigentlich sind diese mit großem Applaus bedachten Tendenzen unverständlich. Handelt es sich doch hier bei der Vergeistigung der künstlerischen Produktion - also der Reduzierung der Tätigkeit auf die Wahl des Ortes, der Zeit, der Kamerabedienung und des Ausdrucks - um genau jene Art der künstlerischen Produktion, die das digitale Zeitalter am genauesten widerspiegelt. In den kurzen Jahrzehnten ihrer Existenz hat die Fotografie einen langen Weg der Emanzipation von der Malerei und Grafik hinter sich. Eckpunkte sind die Neue Sachlichkeit, die Fotografie um und mit Walker Evans, die amerikanische Dokumentar-fotografie der 70er Jahre, deren Aufarbeitung und Transformierung durch die konzeptionelle Dokumentarfotografie des Ehepaars Becher und von Michael Schmidt.Wer Kunst als Reflektion der gesellschaftlichen Gegebenheiten ernst nimmt und sich darauf besinnt, dass die wesentliche Arbeit in dieser Gesellschaft in der Bedienung von Apparaten besteht, muss der Fotografie den ihr gebühren-den Rang einräumen. Dabei geht es nicht um die dogmatische Frage, was Fotografie ist und was nicht. Vielmehr steht hinter dieser zeitge-nössischen, aber auch klassischen Vorstellung von Fotografie eine kulturelle Einstellung, die davon ausgeht, dass die größte Inspirationsquelle der Kunst die Realität ist. Dieses Reiben an der Realität macht die inhaltliche Brisanz der Fotografie aus und unter-scheidet sie von Kunstgewerbe und Salon.


30.12.2005